Falsche Bodenständigkeit

Neulich entnahm ich der Gala, die ich regelmäßig mit Vergnügen durchblättere, dass Heidi Klum sehr bodenständig ist. Und dass auch ihr neuer Freund, Tom Kaulitz, Gitarrist der Band Tokio Hotel, mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Der Bildwiederum entnahm ich, dass Heidi Klum bei einem Spaziergang durch Düsseldorf gesichtet wurde. An ihrer Seite waren Tom Kaulitz, ihre Mutter Erna und ihr Vater Günther, er trug ein senffarbenes Kurzarmhemd, seinen Pullover über der Schulter. Ich sah mir das Bild genauer an: Spaziergänger, wie sie halt zu Abertausenden durch deutsche Fußgängerzonen spazieren. Etwas störte mich.

War es Heidi Klum und ihr verliebtes, irrationales Grinsen? Waren es die Eltern, Günther und Erna, die exakt wie jene Typen aussahen, die einem auf Fuerteventura den Weg zum Buffet versperren? War es das unlässige Lässigsein von Tom Kaulitz aus Magdeburg? Man trank, diese Details bot mir der Bericht ebenfalls an, später noch in einem Brauhaus Altbier und aß dazu Bratwürstchen und Sauerkraut. Spätestens jetzt wurde mir klar, welches Problem hier vorlag.

Im Prinzip ist es doch so: Das Leben besteht für uns Normalmenschen, wenn ich diese Schublade mal aufmachen darf, zu einem großen Teil aus Flaschen wegbringen, an der Ampel warten, aus Formulare ausfüllen und nach einem aufwendigen Entscheidungsprozess eine neue Bildschirmarbeitsplatzbrille bestellen. Das sind Anti-Glamour-Wörter, die das normale Leben beschreiben: Bildschirmarbeitsplatzbrille. Oder man sammelt Müll ein, weil der Sack auf dem Weg nach draußen gerissen ist, und jetzt liegen Joghurtbecher und Orangenschalen und altes Kaffeepulver auf den Stufen. Das ist das Leben, das ganz normale.

Von einem Star erwarte ich, dass er sich von diesem Leben fernhält, ich erwarte Entrücktheit und Glamour. Ein Star muss eine Projektionsfläche sein für all jene Geschundenen, die von einem Leben träumen ohne Widrigkeiten wie Kühlschrank auswaschen oder Fenster putzen. Es ist eine Art von Arbeitsteilung: Stars führen stellvertretend das ausschweifende Leben, das sich die meisten anderen nicht leisten können.

Ich will nicht sehen, wie Heidi Klum durch Düsseldorf spaziert und eine Wurstplatte bestellt. Ich kann doch selbst durch Düsseldorf spazieren und eine Wurstplatte bestellen. Sie soll, verdammt noch mal, ein Star sein. Champagner, Privatjet, Monaco, Jacht, Paris, Ibiza, Jetski-Rennen, Verschwendung, Dekadenz.

Die Boulevardpresse glorifiziert regelmäßig, wenn ein Star »am Boden geblieben ist«, was ja schon ein seltsames Bild ist: ein Stern, der nicht schwebt. Da wird beispielsweise euphorisch erwähnt, dass sich der Schauspieler Keanu Reeves bei seiner eigenen Party in die Schlange gestellt und zwanzig Minuten im Regen auf Einlass gewartet habe. Was ich nicht bodenständig finde, sondern in erster Linie dämlich.

Die Schauspielerin Anne Hathaway wird für ihr Bekenntnis gefeiert, dass sie ihr Bett und den Abwasch noch selbst mache. Wo ich ihr einfach raten würde, eine Spülmaschine zu kaufen. Und Thomas Müller, der Fußballer, wird dafür gelobt, dass er seinen Urlaub nicht etwa in der Südsee, sondern in Bayern verbringt, mit seinen Hunden »Micky« und »Murmel«! Der Müller Thomas! Da sitzt er in Bayern rum, ganz bodenständig, auf seinem Jahreseinkommen von dreißig Millionen Euro.

Ich mag diesen Normalitätskitsch nicht. Ich interessiere mich zum Beispiel für die britischen Royals, weil ich ihre goldenen Kutschen mag und den Verdacht habe, dass sie keine Pfandflaschen wegbringen müssen. Ein Foto, auf dem Harry zu sehen wäre, wie er in einer blauen Ikea-Tasche Leergut zum Supermarkt trägt, würde mich sehr stören. Es würde mir die Hoffnung nehmen, dass es irgendwo ein Leben gibt ohne diesen ärgerlichen Akt, bei dem einem meistens altes Bier auf die Hose läuft.

Wir müssen die Steuererklärung machen und die Waschmaschine reparieren, ständig solche Sachen. Ein Stern aber muss fern sein, er muss leuchten, und er muss verglühen.

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Das geheime Dahinter

Als die Menschen noch Windows benutzten, in grauer Vorzeit also, landeten sie regelmäßig im „abgesicherten Modus“. Im abgesicherten Modus standen weniger Funktionen zur Verfügung, alles war folglich einfacher und klarer. Meist wechselte das Betriebssystem in den abgesicherten Modus, wenn sonst nichts mehr ging.

Es scheint, als sei der abgesicherte Modus zurückgekehrt in die analoge Welt, in den politischen Diskurs einer verhedderten Welt. Köpfe fahren nicht mehr ordnungsgemäß hoch. Sie landen in einem Modus, der weniger grafisch ist und weniger komplex, im Modus der Verschwörungstheorie. Dieser Modus ist deshalb so attraktiv und verbreitet, weil er mehrere Vorgänge, die üblicherweise einzeln zu berechnen wären, zu einem zusammenfasst.

Die Verschwörungstheorie ist nicht mehr der Modus der Verrückten, die in der Fußgängerzone stehen und predigen, sie lässt sich nicht mehr an den Rand exotisieren. Sie ist mentaler Ausweg der Mitte, existiert im Kopf einflussreicher Publizisten, im Bundestag. Nicht nur bei der AfD. Christian Lindner begründet die Notwendigkeit eines Bamf-Untersuchungsausschusses mit dem Hinweis, man müsse Verschwörungstheoretikern die Grundlage entziehen. Womit er sich zwar vordergründig gegen Verschwörungstheorien stellt, sie aber gleichzeitig adelt. Offenbar hält Lindner die Theorie, hinter dem amtlichen Durchwinken von Flüchtlingen stehe ein politischer Großplan, für widerlegenswert.

Je komplexer der Weltabdruck in unserer Wahrnehmung, desto höher ist die Gefahr, dass der Kopf auf den abgesicherten Modus umschaltet. Wenn in Syrien ein Bürgerkrieg ausbricht, der von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr komplizierter wird, unter Beteiligung des Iran, Russlands, der USA, Terroristen, Islamisten, Salafisten, Kurden, wenn sich Hunderttausende auf die Flucht machen, manche religiös, manche nicht, der eine nett, der andere nicht, jeder mit eigener Biografie – wenn diese Menschen abgerissen über Felder marschieren und plötzlich vor uns stehen, als herausfordernde Tatsache, als Mosaik der Millionen Geschichten, dann ist es verlockend, dahinter einen Generalplan zu vermuten. Zum Beispiel das Vorhaben Angela Merkels, die deutsche Bevölkerung komplett auszutauschen. Soll doch erst mal jemand beweisen, dass es nicht so ist!

Im Abwärtsstrudel

Wie erleichternd, wenn aus dem Nichts plötzlich die sinistre Wahrheit auftaucht. Fans von Star Wars kennen das: diesen warmen Schauder, der einen überkommt, wenn sich Darth Vader endlich zu seiner Vaterschaft bekennt.

Diesen Schauder muss auch der Publizist Jakob Augstein spüren, wenn er bei allem Nachdenken über die globale Wirrnis zum Ergebnis kommt, die Welt leide an einer „Israelisierung“. Der israelische Ministerpräsident Netanjahu gehöre „auf traurige Weise“ zu den erfolgreichsten Politikern der Welt. Der Westen habe sich, so schrieb Augstein neulich auf Spiegel Online , auf einen „israelischen Weg“ begeben. Frankreich trage, nach israelischem Vorbild, inzwischen die Züge eines Polizeistaats. Statt den sichtbaren Grund zu nennen für mehr Sicherheitsvorkehrungen zwischen Paris und Nizza, nämlich islamistische Anschläge mit Hunderten Toten, insinuiert Augstein ein Dahinter, etwas metaphysisch Existierendes, eine geheimnisvolle Kraft. Von da ist es nicht mehr weit zum Klassiker der Verschwörungstheorie, zum jahrhundertealten Glauben an das „Weltjudentum“, dem man seit dem Mittelalter unterstellt, weltweit die Fäden in der Hand zu halten.

Dieser Glaube beseelte auch jene kahlköpfigen Männer, die letztes Jahr mit Fackeln durch Charlottesville in Virginia zogen. „Jews will not replace us“, brüllten sie. Was doch merkwürdig ist. Man dachte ja, Trump-Amerika fühle sich existenziell von Maschinen bedroht, vielleicht noch von deutschen Autos und Chinesen. Aber weshalb denn von Juden? Der metaphysische Verschwörungsglauben ist offenbar tröstend fürs eigene Versagen. Eine Erklärung, die auch dem türkischen Präsidenten gefällt. Im Abwärtsstrudel der Inflation brüllt Erdoğan seinem Volk entgegen, die „Zinslobby“ sei schuld an der Misere. Er glaubt da möglicherweise wirklich dran.

Das wäre alles zu verdrängen und wegzuschieben und irgendwie zu ignorieren, hätte die Verschwörungstheorie mit der AfD nicht eine Repräsentanz im Bundestag, der Glaube an Islamisierung, Bevölkerungsaustausch, EU-Diktatur, Neue Weltordnung, und schickte sich nicht gerade eine „linke Sammlungsbewegung“ an, ganz ähnliche Denkmuster zu vertreten. Peter Boehringer, AfD, mächtiger Vorsitzender des Haushaltsausschusses, glaubt an eine globale Elite, die im Hintergrund an der „Neuen Weltordnung“ arbeitet. Was keine Verschwörungstheorie ist, die er sich ausgedacht hat. Sie zirkuliert seit dreißig Jahren in den USA, auch unter globalisierungskritischen Linken.

Wie würde es wohl enden, wenn er sich auf ein Bier mit Oskar Lafontaine treffen würde? Was wäre der Konsens des Abends? Könnte man sich möglicherweise darauf einigen, dass es eine „unsichtbare Regierung gibt, die in Wirklichkeit die Geschicke dieser Welt bestimmt“? Exakt das hat Lafontaine im vergangenen Jahr auf einer Friedenskundgebung behauptet. Darauf müsste man sich also einigen können.

Seine Frau, Sahra Wagenknecht, legte vor knapp zwei Wochen in der ZEIT dar, warum Deutschland eine „linke Sammlungsbewegung“ brauche. Ihr Aufruf ist getragen von der Überzeugung, die Flüchtlingswelle sei ein neoliberaler, durch Moral abgesicherter Angriff auf den kleinen Mann. Der Flüchtling als Trojanisches Pferd der Globalisierung – kein Wunder, dass die Sammlungsbewegung um Attac wirbt. Das Problem ist dabei nicht, dass Wagenknecht konkurrierende Interessen am unteren Ende der Gesellschaft anspricht. Nein, das ist okay. Das Problem ist, dass Wagenknecht insinuiert, es gebe einen Profiteur der Flüchtlingskrise, den viel gescholtenen „Neoliberalismus“. Oder sogar einen Plan hinter der Krise.

Finstere Pläne

Während Wagenknecht mit ihrem roten Dolch noch im Trüben stochert, zielt man in Ungarn längst präziser. Der Regierungschef Viktor Orbán hat den Schuldigen für das große Chaos gefunden: George Soros, US-amerikanischer Milliardär mit ungarischen Wurzeln. Soros würde „vor der Öffentlichkeit verborgen“ mit enormen Geldern die illegale Einwanderung fördern. Orbán ließ in Ungarn Fotomontagen plakatieren, die Soros und ungarische Oppositionspolitiker zeigten, wie sie gemeinsam Grenzzäune zerschneiden. Es ist also nicht die verworrene Realität von Krieg und Flucht, die da einbricht. Nein, es ist ein jüdischer Milliardär mit finsteren Plänen.

Die Qual der Einzelvorgänge, der losen Enden, der sich überlagernden Bilder, die Last der Komplexität, des achtfachen Bodens, Aleppo, Fassbomben, Staub, Balkan, Zelte, Bahnhof Budapest, geht auf in einem heilsamen Glauben an eine höhere Kraft. Die Metaphysik der Verschwörungstheorie ist umgekehrte Religiosität. Aus dem Glauben an eine Kraft, die beschützt, wird der Glaube an eine Kraft, die bedroht. Auch das hat etwas Tröstendes. Auch das bekämpft, was Heidegger als das „Hineingehaltensein ins Nichts“ bezeichnete, jenes Gefühl der tiefen existenziellen Weltleere, in der die Dinge ohne jeden Sinn kreuz und quer schießen. Je greller, lauter, je quälender sich diese Weltleere offenbart, desto größer wird offenbar der parareligiöse Wunsch, eine höhere Macht sei für diesen Schlamassel verantwortlich.

Würde dieser Glaube Gottesdienst feiern, er würde ein berühmtes Kirchenlied umkehren und es mit düsterer Beschwingtheit ins Nichts schmettern – Boehringer, Augstein, Lafontaine, den Kriegen entgegen, den Flüchtlingen, dem elenden Durcheinander: „Von schlechten Mächten unsichtbar umgeben, erwarten wir getrost, was kommen mag. Böses ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Das Glück der Überwindung

Einer Meldung der Polizei Recklinghausen entnahm ich vor einigen Tagen eine Geschichte, die mich ins Nachdenken brachte über Trägheit und Gewöhnung. Und über die Anziehungskraft von Oer-Erkenschwick. Ich weiß nichts über Oer-Erkenschwick im Ruhrgebiet, aber es muss ein faszinierender Ort sein.

Um zwei Uhr nachts, so die Meldung, stoppten zwei Polizisten auf der Recklinghäuser Eulenstraße ein Auto, an dessen Steuer ein Neunjähriger saß. Der Junge saß auf einem Kindersitz, konnte gerade so über das Lenkrad schauen und war vollkommen unversehrt. Auch das Auto war unbeschädigt, nur ein eingeklappter Spiegel fiel den Polizisten auf. Der Neunjährige gab an, auf dem Rückweg von der Oer-Erkenschwicker Kirmes zu sein. Das Auto gehöre seinen Eltern, er habe es heimlich genommen. Ich rief bei der Polizei in Recklinghausen an – ob sich das wirklich alles so zugetragen habe? Ja: habe es. Und übrigens, kleine Aussprachehilfe, sage man »Ooor-Erkenschwick«. Das Dehnungs-e verlängert den vorhergehenden Vokal.

Ich googelte »wie groß ist ein Neunjähriger?«, ein mitteleuropäischer Neunjähriger ist im Schnitt 1,33 Meter. Ein Hydrant hingegen, das schaute ich zum Vergleich nach, kann bis zu 1,50 Meter groß sein. Neunjährige sind also nicht sehr groß. Wenn Neunjährige gegen eine handelsübliche Tür rennen, dann besteht die Gefahr, dass sie mit dem Schlüsselbein an die Türklinke stoßen. Die Türklinke befindet sich nach deutscher Norm auf einer Höhe von 85 Zentimetern. Und es ist ja nicht damit getan, dass es einem irgendwie gelingt, über das Lenkrad zu schauen. Man sollte das Auto auch steuern können. Um das zu lernen, braucht es mindestens zwölf Fahrstunden. Überlandfahrten, Nachtfahrten, Einparken, rückwärts, vorwärts, seitwärts. Manche können es danach immer noch nicht.

Ich stelle mir also vor, wie dieser sagenhafte Junge, der etwas sehr Gefährliches getan hat, für das ich ihn bewundere, in seinem Bett lag und von Oer-Erkenschwick träumte, vom kreisenden Karussell. Wie wohl sein inneres Pro und Contra ausgesehen haben mag? Dagegen spricht: Ich bin neun Jahre alt, habe keinen Führerschein, kann gerade so über das Lenkrad schauen, und meine Eltern werden sehr wütend sein. Dafür spricht: Ich wäre recht schnell in Oer-Erkenschwick.

Nach eingehender Prüfung und redlicher Abwägung aller Argumente hätte er sich selbstverständlich gegen das Vorhaben entscheiden müssen. Er hat es trotzdem gemacht. Ist einfach losgefahren. Keine Ahnung, wie er das hinbekommen hat. Ich will nach einem kurzen pädagogischen Einschub erklären, warum dieser Kerl ein Vorbild ist. Hier der Einschub: Wer nicht im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis ist, sollte unter keinen Umständen Auto fahren. Ohne jede Ausnahme. Niemals. Selbst dann, wenn er möglicherweise besser Auto fährt als ein alter, kurzsichtiger Mann mit Führerschein aus dem Jahr 1954.

Was dieser Junge uns dennoch lehren kann, ist die Erkenntnis, dass man nur durch Aufgaben wächst, die größer sind als man selbst. Keine Entwicklung ohne Überforderung. Ohne eine kleine Dosis Selbstüberschätzung kein Vorankommen (und wenn es nur bis Oer-Erkenschwick ist). Was einen alles aufhalten kann: die Vernunft, das Über-Ich, der Schweiß, latente Übelkeit. Hinter einem Berg aus Angst allerdings wartet das Glück der Überwindung.

Leonard Bernstein beispielsweise dirigierte, nachdem der Chefdirigent kurzfristig erkrankt war, die New Yorker Philharmoniker zum ersten Mal ausgerechnet nach einer durchsoffenen Nacht, völlig verkatert und unvorbereitet, ohne eine vorherige Generalprobe. Frühmorgens kam Bernstein vom Feiern, um neun klingelte das Telefon, um 15 Uhr stand er auf der Bühne.

Ich will nicht klingen wie ein Carsten Maschmeyer für Arme oder ein Erbauungskalender von Pater Anselm Grün, aber ich musste halt, als ich diese Meldung las vom Jungen, der unbedingt nach Oer-Erkenschwick wollte, an die tägliche Trägheit denken und die Gewöhnung, an diese verdammte Macht, von der man sich umgarnen lässt und die einen dauernd davon abhält, etwas zu tun, das aufregend und gut ist und ein bisschen zu groß. Man sollte es machen, denn Scheitern ist möglich, aber niemals ein Argument.

Extremer Frieden

Frieden ist ein Wort, mit dem man sich problemlos auf die sichere Seite formulieren kann. »Ich bin für Frieden«, diesem Satz wird erst mal niemand widersprechen wollen. Das ist ungefähr so unangreifbar wie: »Ich bin gegen Tierquälerei«, »Ich bin für Menschenrechte« oder »Kinderarbeit ist nicht gut«.

Frieden bedeutet, so sagt es das Lexikon, die Abwesenheit von Krieg. Das ist natürlich höchst erstrebenswert. Wenn sich also Menschen am Brandenburger Tor versammeln, wie neulich geschehen, und für Frieden demonstrieren und gegen Krieg, dann klingt das erst mal gut. Doch nur bis man genauer hinhört.

Dann nämlich fragt man sich, was Sahra Wagenknecht genau meint, wenn sie im siebten Jahr des Syrienkrieges, im April 2018, bei einer Demonstration am Brandenburger Tor von Frieden spricht. »Nein zum Krieg« hieß diese Kundgebung. Eine spontane Veranstaltung der Linkspartei, in Windeseile organisiert. Als Protest gegen die amerikanischen Luftangriffe gegen Assad. Und da rief Wagenknecht ins Publikum: »Besser wäre es, wir gingen einen anderen Weg. Einen Weg des Friedens.« Was wunderbar klingt: Nach einer blühenden Magnolien-Allee, die man nur entlangzuwandeln bereit sein muss.

Alles, was Wagenknecht am Brandenburger Tor sagte, klang nach einer leicht zu lösenden Konstellation: Da gibt es den Frieden – und da gibt es die amerikanischen Luftangriffe, die nun den Frieden stören. Kein kritisches Wort zu Assad, der sein Volk systematisch vernichtet. Keines zu Putin, der ihm dabei hilft. Frieden, so hätte es ein Mensch verstehen müssen, der zufällig in die Veranstaltung geraten wäre und noch nie im Leben etwas vom Syrienkrieg gehört hat, Frieden hätten die USA durch bloße Unterlassung erreicht. Wäre Wagenknecht ehrlich – gegenüber sich, der Welt und den Wörtern –, hätte sie nicht von Frieden gesprochen. Nein, sie hätte vielleicht gesagt: »Wir wollen nicht, dass der Krieg der Amerikaner den Krieg der Syrer stört.« Oder: »Für mich war dieser Krieg akzeptabel und bisher kein Grund zu demonstrieren, aber diese Marschflugkörper der USA haben wirklich eine Grenze überschritten.«

Wenn es um Frieden geht, klingen links außen und rechts außen übrigens sehr ähnlich. Aus Protest gegen die USA versammelte sich Pegida Mitte April zur großen Friedens-Demo auf dem Dresdner Altmarkt. Man traf sich unter dem catchy Motto: »Wir wollen gegen die Kriegshetze unserer Medien und unserer Regierung ein Zeichen des Friedens setzen.« Auf dem Sprecherwagen standen auch AfD-Abgeordnete aus dem Bundestag. Wäre jemand in diese Veranstaltung geraten, der zuvor noch nie im Leben etwas vom Syrienkrieg gehört hat, er wäre schnell zur Überzeugung gekommen, dass Syrien eigentlich ein friedliches Land ist. Wären da nicht die USA und die deutschen Medien.

Das rechte Blog Sachsen-Depesche schwärmte nach der Demo von der »pazifistischen Haltung« der Pegidianer und von ihrer »tiefen Friedenssehnsucht«. Klar: Und als Ausdruck dieser Sehnsucht schwenkt man bei Pegida wechselweise Russlandfahnen und preußische Reichskriegsflaggen. Unterstützt wird diese Sehnsucht von Alexander Gauland, der an einem Tag die Leistungen der deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen lobt und sich am nächsten Tag, nach dem amerikanischen Luftangriff in Syrien, im Parlament als Friedenstaube geriert.

Es wird erst ein Schuh aus alldem, wenn man noch mal im Lexikon blättert. Frieden hat noch eine zweite Bedeutung, nämlich: Seelenruhe. Dann versteht man, warum die Querfront der Friedensaktivisten einen Krieg von Assad und Putin akzeptieren kann. Einen der USA aber nicht. Der Krieg des ideologischen Freundes stört ihren Frieden nicht, trotz Hunderttausenden Toten. Der Krieg des ideologischen Gegners schon. Sie demonstrieren weniger für die Abwesenheit von Krieg.

Sie demonstrieren für ihre Seelenruhe.

Mein Leben als Schneeflocke

Oft werde ich gefragt, wie es eigentlich ist, diese Kolumne zu schreiben. Nein, ich muss anders beginnen. Noch nie hat mich jemand gefragt, wie es eigentlich ist, diese Kolumne zu schreiben. Aber würde mich jemand fragen, dann würde ich ihm einen magenschonenden Wohlfühl-Americano ausgeben, einen extragroßen, XXXL, und mich unterhaken und ihm bei einem unvergleichlichen Spaziergang durch die Frühlingssonne, die frech hinter den Wolken hervorblinzelt, erzählen, was ich noch nie jemandem erzählt habe.

Erinnerst du dich an Carrie Bradshaw aus Sex and the City?, würde ich fragen. Mit ihrem wundervollen, süßen Apartment in der Upper East Side? Ach, dieser begehbare Kleiderschrank. Ich brauche wirklich nicht viel. Aber ein begehbarer Kleiderschrank, wie Carrie ihn hat, das ist ein heimlicher Traum.

Also Carrie Bradshaw, du erinnerst dich, schreibt eine Kolumne über Singles in New York. Sie sitzt vor ihrem Macbook und krault sich verträumt ihre goldenen Locken. Und dann schüttelt sie ihre grazilen Finger und schreibt einfach drauflos, einfach von der Seele weg, du musst es fühlen als Kolumnist. Manchmal schreibt Carrie nur ein Wort und schaut es versunken an und hört in sich hinein, ob sie das Wort wirklich auch meint: love . Und dann belohnt sie sich mit einem hübschen Einkauf bei Manolo Blahnik in der Vierundfünfzigsten Straße. Belohnung ist total wichtig! Ich habe mal gehört, dass im Gehirn das Belohnungszentrum direkt neben dem Kolumnenzentrum sitzt. Also nicht in jedem Gehirn, nur im Gehirn von Kolumnisten.

Na ja, und dann muss die Umgebung stimmen. Nur so entsteht eine wunderbare Kolumne. Ganz besonders gut kann ich schreiben, wenn es draußen schneit und ich den klitzekleinen Flocken vor meinem Fenster beim Herumwirbeln zuschauen kann. Wie Carrie hinter ihren schweren Gardinen in Manhattan. Und dann träume ich ein bisschen und stelle mir vor, ich wäre selbst so eine kleine Flocke und ließe mich einfach vom Wind tragen. Und dann frage ich mich: Felix, wie würdest du diese Kolumne schreiben, wenn du eine klitzekleine Schneeflocke wärst? Du musst als Kolumnist in der Lage sein, einen Text aus der Sicht einer Schneeflocke zu schreiben. So entstehen luftige, gefühlvolle Texte. Das mag seltsam klingen. Aber für eine wunderbare Kolumne ist Fantasie sehr wichtig. Fantasie und Liebe. Und meine dampfende Jumbotasse mit frisch gebrühtem Arabica-Kaffee.

Carrie schreibt ihre Kolumne einmal die Woche. Mir wäre das zu viel Druck. Ich schreibe diese Kolumne alle drei Wochen. An manchen Tagen fühle ich es einfach nicht. Ich rufe bei den Kollegen in der Redaktion an und sage: Ich fühle es heute einfach nicht. Die Kollegen sind total verständnisvoll. Die wissen auch, dass man mich zu nichts drängen sollte. Da kommt man mit Befehlen nicht weit. Denn niemand hat etwas davon, wenn ich einen gehetzten Text schreibe, den ich überhaupt nicht fühle.

Carrie sagt, das ist ein ganz wunderbares Zitat von ihr: »Vergiss nicht, dich zuallererst in dich selbst zu verlieben.« Du musst dich lieben als Kolumnist. Die Leser spüren ganz genau, ob du dich liebst oder nicht. Die haben da ein ganz feines Gespür. Ein anderes Mal, ich weiß nicht mehr, in welcher Staffel das ist, sagt Carrie: »Vielleicht ist die Vergangenheit wie ein Anker, der uns zurückhält.«

Wenn ich mal wieder vor meinem Laptop sitze, in eine flauschige Schurwolldecke gehüllt, meine geliebte Jumbotasse neben mir, der Cursor blinkt erwartungsfroh auf dem unschuldig weißen Dokument, und mich befallen plötzlich Zweifel, ob meine nächste Kolumne so gefühlvoll werden kann wie die letzte, dann höre ich die Stimme von Carrie.

»Felix«, sagt sie. »Die Vergangenheit ist wie ein Anker, der uns zurückhält.«

Ich stelle eine Rückfrage: »Soll ich den Anker lichten, Carrie?«

»Lichte den Anker, Felix.«

»Und wenn ich dann immer noch blockiert bin, Carrie?«

»Dann kauf frische Himbeeren, Felix, lad deine besten Freunde ein, und ihr mischt euch ein paar spritzige Cosmopolitans!«

Liebe in Zeiten der Taliban

Vor ein paar Tagen entdeckte ich das Wort »durchbrennen« in der Zeitung. Was ein schönes, strahlendes Wort! Es bezeichnet ja im doppelten Sinne etwas Aufwallendes, Juveniles, etwas irgendwie Eskalierendes. Sicherungen brennen bei Überhitzung durch, Mädchen in englischen Internaten brennen durch. Sie tun das, weil das stumme Sein im Zimmer nicht mehr auszuhalten ist, weil hinter dem efeuumrankten Fenster, aus dem sie klettern, etwas Besseres, Freieres wartet. Eine warme Nacht, ein Fahrrad, das am Regenrohr lehnt. Vielleicht eine Liebe.

Es war nur eine Meldung, acht magere Sätze, eine Nachricht aus Afghanistan, in der zur Abwechslung nichts explodierte und niemand starb. Sie war so kurz und leise und brutal, schon der erste Satz erwischte mich wie eine Ohrfeige: »Für den Versuch, gemeinsam durchzubrennen, haben die radikalislamischen Taliban in Afghanistan ein junges Paar öffentlich auspeitschen lassen.« Ich wollte zurückschlagen, doch meine Hand stocherte im Nichts der Düsternis.

Dieses Paar, so las ich, floh aus dem Norden des Landes, wo die Taliban regieren, in die zentrale Provinz Ghor, nachdem ihre Familien eine Hochzeit abgelehnt hatten. Ihre Flucht missglückte, Familienmitglieder sammelten sie ein und brachten sie zurück in ihr Dorf, in die Provinz Farjab. Dort hielten die Taliban eine »provisorische« Gerichtsverhandlung ab, was auch immer das Wort »provisorisch« hier zu bedeuten hat; wohl kaum die Einsicht der Beteiligten, dass Unrecht immer ein Provisorium ist, das irgendwann einstürzt, zertrümmert und entsorgt wird auf der Müllhalde der Geschichte.

Das Gericht verurteilte das Paar zu öffentlichem Auspeitschen. Nun stelle ich sie mir vor: mit Striemen am Körper und voller Sehnsucht. Eine moderne Variante von Romeo und Julia. Wobei »modern« durch »steinzeitlich« zu ersetzen ist, man tut dem Italien des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich unrecht, wenn man es mit einer Taliban-Provinz vergleicht.

Worüber haben wohl jene Brüder, Väter, Cousins oder Onkel gesprochen, als sie ihr Land durchquerten, auf der Suche nach dem geflohenen Paar? Kamen ihnen, wie jedem Wandernden üblicherweise, nicht irgendwann Zweifel an ihren Gewissheiten und am festen Glauben, mit dem sie aufgebrochen waren? Zweifel zum Beispiel daran, dass dieser Gott, der die kühnen Berge von Farjab erschaffen hat, es tatsächlich gut findet, dass man zwei Menschen einfängt und bestraft, weil sie einander lieben.

Was fühlten die Brüder, die Väter, die Cousins oder Onkel, als sie die Liebenden aufgespürt hatten? Und warum ließ Gott, der die Berge von Farjab erschuf, nicht in jenem unglückseligen Moment einen Sandsturm aufkommen, so wild und wütend, in dem ein jeder sich verliert, der nicht Händchen hält? Ich glaube, dass es einen Gott gibt (wobei sich dieser Glaube durch eine lange Wanderung erschüttern ließe). Ich glaube nicht, dass er uns Gesetze, Normen, Regeln, Zwänge, Propheten und Religionen schickt, die heiliger und schützenswerter sind als die Liebe zwischen zwei Menschen, als ihre Zärtlichkeit, ihr Kümmern, ihre Verantwortung füreinander, als ihre Begierde.

Vor Jahren gingen in der islamischen Welt zornesrote Männer auf die Straße, weil eine dänische Zeitung Mohammed-Karikaturen gedruckt hatte. An jenem Tag, an dem dieselben Männer, oder vielleicht ihre Söhne und Töchter, auf die Straße gehen, weil ein Paar aus Farjab in Afghanistan von ein paar Idioten auseinandergerissen wird, gegen jede Regel der Menschlichkeit; an jenem Tag, an dem Extremisten irgendwo zwischen Kabul und Marrakesch Plastikstühle zertrümmern und Fahnen verbrennen – für das Recht auf Freiheit, für das Recht auf Liebe, für das universelle Recht auf Glück –, konvertiere ich zum Islam, zur Religion des Friedens, inschallah.

Wo sind die Liebenden von Farjab jetzt? Wie viele Dörfer trennen sie? Haben sie einen guten Plan, um wieder durchzubrennen? Ich drücke die Daumen, ihr beiden, ich denke an euch.

Die Retterin Englands

Es gibt Gedanken, die versucht man zu unterdrücken wie einen Schluckauf. Weil man nicht sicher ist, ob es okay ist, sie zu haben. Neulich versuchte ich den Gedanken zu vertreiben, dass die Monarchie irgendwie besser ist als die Demokratie. Würdevoller und auch seriöser. Ich habe meinen Kopf von rechts nach links gedreht, ihn gesenkt und geschüttelt, doch der Gedanke wollte nicht gehen.

Prinz Harry, dieser Goldjunge, der inzwischen voll in der Spur ist und nicht mehr in Hakenkreuz-Uniform auf irgendwelchen Partys erscheint, ist verliebt – so sehr, dass er sich verlobt hat und im Mai heiraten wird.

Seine Verlobte, Meghan Markle, amerikanische Schauspielerin, coole Frau, legt sich in diesen Tagen mit dem Protokoll an, weil sie die seltsame Regel nicht akzeptieren will, dass bei einer royalen Hochzeit so ziemlich jeder eine Rede halten darf außer der Braut.

Sie wird sich durchsetzen und ihre Rede halten, jede Wette. Der Palast wird mal wieder genug Zeitgeist hereinlassen. Wie sehr das Königshaus die Kunst der Wandlung beherrscht, ist momentan in der Netflix-Serie The Crown zu bestaunen, die ich empfehle.

Als Queen Elizabeth zu Beginn ihrer Regentschaft von der National and English Reviewfür ihre versnobte Britishness zerrissen wurde, da reagierte sie mit Reformen. Sie führte eine weihnachtliche TV-Ansprache ein und Palastempfänge für Leute aus dem Volk. Sie lenkte aus dem Hintergrund, korrigierte, nordete ein, empfing den Premier in wöchentlichen Audienzen. So ging man Schritt für Schritt in die Zukunft, voller Orientierung und Stolz. Und so geht man noch heute. Ganz anders die gewählten Vertreter des Landes, die stolpern nur noch.

Der britische Humor ist ja bekannt für seine Albernheit, für den Quatsch von Monty Python. Doch der beste Witz, den Großbritannien in jüngster Zeit hervorgebracht hat, ist der Brexit. Man könnte es Slapstick-Demokratie nennen: eine Aneinanderreihung von Zufällen, Ungeschicktheiten, von ungestümen Richtungswechseln. So planvoll und elegant ist sonst nur Mr. Bean beim Versuch, seinen Mini einzuparken. Entweder ist die Parklücke zu eng, und er kriegt die Tür nicht mehr auf. Oder er schiebt ein anderes Auto weg, das dann umkippt. Und wir?

Haben immer noch keine Regierung, man merkt es kaum noch. Die Augenringe von Martin Schulz werden dunkler, seine Bewegungen langsamer, schläft er überhaupt noch? Vielleicht ist er sogar so erschöpft, dass sein phänomenales Umfallen im Sekundenschlaf passierte: Vor Kurzem schloss er noch kategorisch aus, Minister unter Merkel zu werden, und jetzt erwägt er das genaue Gegenteil. Demokratie als müdes Wanken.

Na ja, und dann noch dieser andere Typ. Der lässt einen wirklich am demokratischen Prinzip zweifeln, dass jeder, einfach jeder, Macht haben kann. David Axelrod, der einst Berater war bei Obama, twitterte neulich ein Bild von Donald Trump: der Präsident mitAmerica great again- Kappe an seinem Schreibtisch im Oval Office, vorgebeugt und umständlich den Telefonhörer haltend. Warum sieht dieser Mann, so fragte Axelrod, nur aus wie ein Rentner, der bei einer Führung durchs Weiße Haus mal den Schreibtisch ausprobieren will? Und da sah man sofort eine Verwechslungskomödie vor sich: Ein pensionierter Immobilienmakler aus New York gerät als Tourist ins Weiße Haus und wird plötzlich für den Präsidenten gehalten.

Darf Demokratie so lustig sein? Oder ist sie dann lächerlich?

Dieser Typ hat übrigens noch keine Einladung erhalten für das, was am 19. Mai in der Kapelle von Windsor Castle geschieht. Dort wird das Königshaus nicht nur eine Hochzeit feiern, sondern das irrsinnige Prinzip, dass Macht – wenn auch nur sanfte – durch Heirat und Geburt übertragen wird.

Dieser Irrsinn bringt halt den kleinen Vorteil mit sich, dass ein Monarch die Macht nicht nach Belieben erobern, benutzen und wegwerfen kann, sondern sie ein Leben lang zu tragen hat, wie seine Segelohren.