Wer nicht spurt, wird vorgeführt

Ich habe mir einen neuen Fernseher gekauft und ein bisschen Fernsehen geschaut. Und jetzt habe ich ein paar Fragen.

Isst du gerne Ziegenhoden oder lebendige Würmer mit Sahne? Stöckelst du gerne, als eine von 22 jungen Frauen, vor einem Glatzkopf auf und ab – in der verzweifelten Hoffnung, dass er dich zu einem Date einlädt? Singst du gerne für einen alternden Schlagerstar, der dich als Schlampe bezeichnet? Tanzt du gerne für ein alterndes Model, das dich zu dick findet?

Nein?

Dann solltest du nicht ins Dschungelcamp (RTL) gehen, nicht zum „Bachelor“ (RTL), nicht zu „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) und auch nicht zu „Germany’s Next Topmodel“ (Pro7). Du musst da nicht hin – niemand zwingt dich.

Aber was denkst du, wenn dir Menschen gegenübersitzen, vor denen du lückenlos dein Leben rechtfertigen musst, jede Auszeit, jede Abbiegung, jeden Irrtum? Wie fühlt es sich an, wenn du lachend und zwanghaft freundlich darum betteln musst, dass du in Zukunft die meiste Zeit deines Tages in einem Büro verbringen darfst oder in dunklen Lagerhallen oder an der Kasse eines Supermarkts – bis du abends müde ins Bett fällst? Bereitet dir das Sorgen?

Ja? Dann wirst du, mit hoher Wahrscheinlichkeit, Schwierigkeiten bekommen.

Seit es Castingshows gibt, gibt es auch die Kritik daran: Viele Menschen finden sie erniedrigend und bösartig, teilweise gar menschenverachtend. Viele sehen Castingshows als Phänomen des Prekariats, der Armen und Abgehängten – zum einen. Zum anderen werden sie quer durchs Land geschaut und, teilweise heimlich, genossen. Zeitungen und Nachrichtenportale rezensieren das Dschungelcamp wie Theateraufführung – als gehe es um Fiktion, um ein Spiel.

Castingshows als Parabel auf unsere Arbeitswelt

Dabei bilden diese Sendungen Wirklichkeiten ab, und erklären, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Castingshows sind eine Parabel auf unsere Arbeitswelt – auch auf die Welt der Schulen, Ausbildungsstätten, Universitäten. Sie propagieren, dass wir hoffnungslos unvollkommen sind, aber uns eine letzte Chance bleibt: Wir müssen uns anstrengen, über Grenzen gehen, den Schmerz überwinden und manchmal auch an der richtigen Stelle die Klappe halten.

Wer nicht bereit ist, diese Chance zu nutzen, wird bestraft und vorgeführt.

So ist das beim Dschungelcamp. Beispielhaft diese Szene: Ein Kandidat bricht seine Teilnahme ab, als man ihm Stromschläge verpasst und mit Insekten und Dreck überschüttet. Das versetzt eine andere Kandidatin in Rage.

Sie schreit: „Ich habe das acht Tage gemacht. Ich habe Schmerzen. Aber auf eine Idee bin ich noch nie gekommen: aufzuhören, bevor es vorbei ist!“ Die Kandidatin ist einen Schritt weiter: Sie hat die Propaganda der zu überwindenden Unvollkommenheit internalisiert. Sie funktioniert ganz ohne Sklaventreiber.

So ist das bei „Germany’s Next Topmodel“. Hier investiert Heidi Klum ihren seltsam gestählten Ehrgeiz in das Projekt, jungen Frauen einzureden, dass sie zu dick sind, seltsam laufen, zu widerspenstig sind. Sie macht das in einer Strenge, die jeden Fallmanager in jedem Arbeitsamt dieses Landes in den Schatten stellt.

Das Prinzip: Verknappung und Wettlauf

So ist das auch beim „Bachelor“. 22 junge Frauen sitzen in einer Villa in Südafrika und betrinken sich. Ein Mann in Anzug beobachtet sie dabei und wählt, nach und nach, einzelne Frauen aus, mit denen er im Pool planschen will, eine Safari macht oder eine Tour im Hubschrauber. Die jeweils zurückgeblieben Frauen zerbrechen sich dann den Kopf: Warum bin ich nicht dabei? Was mache ich nur falsch? Sie klingen dann, als habe man ihnen nach der vierhundertsten Bewerbung wieder eine Absage geschickt.

Man kann diese Castingshows natürlich ignorieren und gar nicht ein- oder wegschalten. Dann bleibt aber immer noch die große Show im echten Leben, und der entkommt man schwerer. Die Spannung dieser Show besteht darin, dass es weniger gute Arbeit gibt als Arbeitssuchende. Das Prinzip dieser Show heißt Verknappung und Wettlauf.

Wir werden schon in der Schule, und später an der Universität, mit dem Nervenkitzel der Arbeitslosigkeit konfrontiert: Wer nicht arbeitet, fliegt raus aus der Gesellschaft. Nicht nur, weil man ohne Arbeit kaum Geld hat. Sondern vor allem, weil man ohne Arbeit nicht anerkannt wird.

Und wenn man es nicht schafft, seine Unvollkommenheit zu überwinden, dann glotzt einen der Kapitalismus an; hämisch wie Sonja Zietlow, lächelnd wie der Bachelor, verächtlich wie Dieter Bohlen, streng wie Heidi Klum.

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