Danke Oliver für diese Überschrift:

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In ihrem Dorf in Mazedonien ist der Sommer noch Sommer und der Winter noch Winter.

Hitze und Schnee, das ist ihr Dorf.

In ihrem Dorf in Mazedonien ist die Familie so groß, dass sie gar nicht genau sagen können, wie groß sie ist: Mit allen Onkeln und Tanten, Geschwistern, Cousinen und Cousins, mit allen Kindern. 60, vielleicht 70? Sie müssten mal zählen.

Çhelopek, so heißt ihr Dorf in Mazedonien. „Tschellopek“, das C hat einen Haken im Albanischen, Abdulla Ramadani zeichnet ihn in die Luft. Abdulla Ramadani, 38, rot kariertes Hemd über weißem Unterhemd: ein bedächtiger Mann mit klugen Antworten, selbst wenn man ihn nach Offensichtlichem fragt, nach eigentlich Naheliegendem. Wenn man, beispielsweise, nach dem Wert der Großfamilie fragt.

Er sitzt in einer Erdgeschosswohnung in Hamburg-Farmsen, einem Stadtteil der roten Backsteinhäuser. In einer Stadt, in der die Sommer selten Sommer sind und die Winter selten Winter. In einem Land, in das sein Vater vor 40 Jahren einwanderte, um Arbeit zu finden und später die Familie nachzuholen. Erst war der Vater Bauarbeiter, dann kontrollierte er Maschinen in einer Schokoladenfabrik, Smarties- Abteilung. 30 Jahre lang, für das Geld, für die Familie, jetzt kann er Schokolade nicht mehr sehen.

Es ist eines der seltenen Wochenenden, an denen der HSV auswärts gewinnt, drei Tore gegen Freiburg durch drei Fehler des gegnerischen Torwarts: Einmal hat er über den Ball gegriffen, einmal ist er drüber gestolpert, einmal ist er drunter hinweggerutscht. An diesem Wochenende denkt Abdulla Ramadani an Fußball. Wenn Abdulla Ramadani an Fußball denkt, dann beginnt er über seinen Sohn nachzudenken: zentrales defensives Mittelfeld, ein guter Fußballer, SC Condor, Hamburg-Farmsen, für eine Zeit auch Kapitän, erfolgversprechend, wäre nicht die Pubertät gekommen, die Faulheit, die Lethargie.

Der Sohn sagt: Es waren die Verletzungen, die Schulter.

Der Vater sagt: Ich mache mir Sorgen um den Jungen.

Der Sohn sagt: Ich schicke Bewerbungen ab.

Ramadani sitzt auf einem Teppichboden, der gerade erst gesaugt wurde, mit dem Rücken lehnt er am Wohnzimmerschrank, Stickkunst an der Wand, schwere Gardinen vor den Fenstern.

Seine Familie sitzt um ihn herum, erste Generation, zweite Generation, dritte Generation: sein Sohn, der Fußballer, sein Vater, der Mann mit den Smarties, der aufrecht im Sessel sitzt und regelmäßig die Armbanduhr prüft, seine Mutter, Kopftuch, rote Wangen, seine Frau, zurückhaltend, die Frau seines Bruders, still, die Tochter seines Bruders, der Sohn seines Bruders, die zweite Tochter seines Bruders, seine Tochter, der zweite Sohn, der sich den Arm gebrochen hat, sein Bruder. Die Frauen zurückhaltender als die Männer.

Zwölf Menschen, die sich jedes Wochenende sehen und fast jeden Tag. Die Kinder rennen durch die Wohnung. Die Erwachsenen schauen Filme. Sie fahren bei gutem Wetter in den Heide-Park Soltau, zum Hamburger Dom, Autoscooter, Riesenrad, Fußball. Die Großmutter macht albanische Bohnensuppe, die Kinder wollen die Suppe nicht, sie wollen Nudeln.

Das Prinzip der Familie Ramadani heißt: Jeder hilft, wo Hilfe nötig ist. Jeder tut, was er kann.

Abdulla geht mit seinen Eltern auf die Ausländerbehörde, den Pass erneuern. Abdulla hilft seinem Vater bei der Suche nach einer guten Kfz-Versicherung, er füllt ihm die Formulare für die Krankenkasse aus. Sein Vater kann Deutsch, aber das Deutsch der Formulare ist ein anderes. Wenn sein Vater frühmorgens auf den Fischmarkt geht, bringt er Obst für die ganze Familie mit. Wenn einer der Brüder ein neues Auto kaufen will, leiht ihm der andere Bruder Geld. Wenn Winterreifen auf die Autos müssen, dann schrauben sie zu dritt. Und wenn eines der Kinder in Mathe Schwierigkeiten hat, dann fragen sie Zubejda, Abdullas Tochter, siebte Klasse, Gymnasium.

„Welchen Sinn hat das Leben ohne Familie?“, fragt Abdulla. Für ihn ist das eine rhetorische Frage. Und wenn es eine Antwort gibt, dann nur eine: keinen.

Was ist Familie? Die Familie schweigt: erste Generation, zweite Generation, dritte Generation. Sie sitzt im Wohnzimmer und schweigt. Vielleicht ist die Frage dumm.

Als fragte man: Warum dreht sich die Erde? Warum fließt Wasser bergab? Was ist Wetter?

Dann sagt Zelfi, der Fußballer, nach Auskunft des Vaters erst kürzlich der Pubertät entkommen, 17 Jahre alt, drei Streifen auf der Trainingsjacke, ein strahlender Mensch: Familie ist, wenn immer jemand da ist.

Dann sagt Abdulla, sein Vater: Wir schicken die Alten nicht in Heime. Das ist Familie. Abdulla sagt, dass sich auch sein Sohn am wohlsten in Çhelopek fühle, in ihrem Dorf in Mazedonien.

Deutschland, das ist das Land der kleinen Familien, der Scheidungen, der sinkenden Geburtenraten, der Singles, der Altenheime. Das Land, in dem Alleinstehende Lasagne in die Mikrowelle schieben, während Abdulla Ramadani mit zwölf Menschen in einem Raum sitzt, Verbindungen aus Blut und Liebe, jedes Wochenende, wie jetzt.

Deutschland, das ist auch das Land von Thilo Sarrazin, sagt Abdulla. Und er erzählt, wie seine Mutter, die Kopftuch trägt, an einer Hamburger U-Bahn-Station einmal einen Passanten nach dem Weg fragte. Und wie der Passant geantwortet habe: Mit dummen Menschen rede ich nicht.

Abdulla denkt über seinen Sohn nach: In Çhelopek kann er Traktor fahren. Fußball spielen. Nichts tun. Ihm geht es besser dort, denkt Abdulla. Irgendwann einmal sollten wir aufs Land ziehen, denkt Abdulla. Wo es große Häuser gibt für wenig Geld. Deutschland, das ist das Land von Frühjahr, Herbst und Winter. Mazedonien, das ist das Land des Sommers, das Land der großen Ferien: Dann fahren sie in Hamburg-Farmsen los, zwei Autos, zehn Personen, 2.200 Kilometer, Übernachtung in Linz bei einem Cousin, nicht weit von der Autobahn weg, dann weiterfahren, nach zwei Tagen Fahrt steigen sie in Çhelopek aus: Sie rollen die Läden hoch in ihrem Haus. Sie lüften durch. Im Juli und im August liegen die Durchschnittstemperaturen in Çhelopek bei 30 Grad. Neben ihrem Haus stehen vier weitere Häuser, sie gehören der Großfamilie, 5.000 Quadratmeter Land. Im Sommer sind sie 60, vielleicht 70 Personen. Sie grillen. Zelfi, der Fußballer, darf Traktor fahren. Mit seinem Smartphone macht er Bilder vom Haus.

Abdulla denkt weiter über seinen Sohn nach: Er soll eine Ausbildung machen, einen Job finden. Was ist mit einer Freundin? Erst die Ausbildung, der Job. Was ist mit Ausziehen, einer eigenen Wohnung? Erst die Ausbildung, der Job. Bei der Arbeit spricht Abdulla mit einem Kollegen. „Ich habe Probleme mit meinem Sohn“, sagt sein Kollege. „Die Probleme sind überall die gleichen“, sagt Abdulla.

An einem Montag sitzt Abdulla Ramadani auf seiner Couch in Hamburg-Farmsen, vor zehn Jahren ist er bei seinen Eltern ausgezogen, ein paar hundert Meter weiter ist er gezogen, weniger als eine Minute läuft er zum Haus der Eltern, in dem auch der Bruder mit seiner Familie lebt. Es ist der Tag, nachdem sich die Familie zu zwölft getroffen und darüber gesprochen hatte, wie es ist, eine Familie zu sein, eine so große. Der Tenor war: Es ist sehr gut, eine so große Familie zu sein. Es ist wie ein Kreislauf. Abdullas Eltern sind noch nicht pflegebedürftig, aber wenn sie es sind, dann will Abdulla helfen, selbstverständlich. Vielleicht sind die Eltern dann sechs Monate im Jahr bei ihm, sechs Monate bei seinem Bruder. Oder die Eltern entscheiden, bei wem sie leben wollen. Seine Frau bringt schwarzen Kaffee. Milch. Schokoladenkekse. Kitkat.

Der Kaffee schwappt in den Bechern, als sie ihn auf den Wohnzimmertisch stellt. Abdulla zeichnet ein Diagramm: seine Familie. Das Diagramm hat drei Ebenen, jede Ebene eine Generation. Abdulla reibt sich das Gesicht. Er hat kaum geschlafen, wie er selten gut schläft am Wochenanfang. Montags wechselt seine Schicht, von der Frühschicht zur Spätschicht, von der Spätschicht zur Nachtschicht, von der Nachtschicht zur Frühschicht. „Ich arbeite für die Familie“, sagt Abdulla. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. „Wofür arbeitet man, wenn nicht für die Familie?“, fragt Abdulla.

Abdulla muss mit den Schichten arbeiten, doch die Schichten arbeiten gegen ihn. Sie arbeiten gegen die Familie. Und sie arbeiten gegen seine Religion.

Er wischt über sein Smartphone, wenn er die Gebetszeiten nachschauen will: 6.20 Uhr, 12.11 Uhr, 14.30 Uhr, 17.04 Uhr, 18.35 Uhr. Wenn er bei der Arbeit ist, dann kann er nicht beten. Aber er bete, sooft es geht. Er klingt fast entschuldigend.

Seine Frau kann den Koran auf Arabisch lesen. Die Kinder lesen den Koran auf Arabisch. Er ist noch nicht so weit, aber er will bald so weit sein. Wieder klingt er fast entschuldigend. Der Koran lehnt im Wohnzimmerregal, neben dem Fernseher, aufgerichtet, von bunten Post-its durchzogen, jede Sure griffbereit.

Eine Sure besagt, dass man der Familie helfen muss.

Sein Sohn Isa kommt in den Raum, geboren 2007, er hat keine Schule, weil er krankgeschrieben ist, der linke Arm ist unter seinem Pullover an den Körper gebunden, zwei Drähte stecken im Knochen: Er pendelt vom Wohnzimmer zur Küche, von seiner Mutter zu seinem Vater, sein Vater legt Isa eine Hand auf den Kopf.

Abdulla denkt über Isa nach: Vielleicht sollte er anfangen, in einem Verein Fußball zu spielen.

Letzte Woche war Isa durch die Wohnung gerannt und so hingefallen, dass ein Knochen splitterte. Er musste operiert werden. Isa lag fünf Tage im Krankenhaus. Die Ärzte beschwerten sich, weil jeden Tag Isas Familie kam und kleine Geschenke brachte, das war den Ärzten zu viel: die Eltern, die Großeltern, die Tante, der Onkel, Cousinen, Cousins, die Geschwister.

Neben Isa lag ein Junge im selben Alter, ein deutscher Junge, sagt Abdulla. Der deutsche Junge habe nur einmal Besuch bekommen, von seiner Mutter. „Wo ist Papa?“, habe der deutsche Junge gefragt. „Wo ist Opa?“

Abdulla war es peinlich, wie viele Geschenke sie Isa brachten. Doch vor allem war es ihm peinlich, wie einsam der deutsche Junge war.

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