Witz und Vorurteil

Warum war Jesus ein Student? Weil er lange Haare hatte und immer, wenn er etwas tat, dann war das ein Wunder.

Wie funktioniert so ein Studentenwitz?

Zum einen – wie jeder Witz – durch unerwartete Wendungen in der Pointe, durch Überraschungen. Zum anderen aber durch gemeinsame Vorurteile. Über Ostfriesenwitze lacht man nur, wenn man die Vorurteile über Ostfriesen kennt (nicht sehr schlau). Beamtenwitze sind nur lustig, wenn man der Meinung ist, Beamten seien faul. Ein Witz ist oft ein humorvoll zugespitztes Ressentiment.

Das Vorurteil, das zum Verständnis der Jesus-Pointe grundlegend ist, heißt: Studenten sind lichtscheu, antriebslos, verwahrlost, ungepflegt, manchmal gar eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Der Studentenwitz ist die friedliche Variante der Mehrheitsgesellschaft, mit ihrer Wut auf Andersartigkeit umzugehen.

Der Studentenwitz erlaubt einen Blick in die deutsche Geschichte

Dabei schreitet die Produktion neuer Witze langsamer voran als die Veränderung der Gesellschaft. Der Student, über dem im Fall des Jesuswitzes gelacht wird, ist der Student der sechziger, siebziger und vielleicht noch der achtziger Jahre. Es ist nicht der optimierte Bachelorstudent von heute. Wir können mit diesem Witz in die Vergangenheit der Bundesrepublik schauen. In eine Zeit, in der es lebensgefährlich sein konnte, Student zu sein.

Das Ressentiment, das sich heute in Studentenwitzen zuspitzt, bereitete damals das Klima, in dem es zum Attentat auf Rudi Dutschke und zum Tod von Benno Ohnesorg kommen konnte. Der Graben zwischen dem Land und seinen Studenten war bedrohlich tief. Auf der einen Seite der Volkszorn und die Boulevardpresse, die Jagd auf Studenten machte. Auf der anderen SeiteUniversitäten, an denen man über den Umsturz diskutierte.

Dieser Graben markierte jedoch nicht allein politische und weltanschauliche Differenzen, er entstand auch durch Missgunst und Neid gegenüber studentischer Lebensführung. Die sogenannte hart arbeitende Bevölkerung beobachtete mit großer Skepsis jenen Teil des Landes, der sich über Jahre und Jahrzehnte im Halbdunkel von Wohngemeinschaften und Bibliotheken herumtrieb, ohne im verbreiteten Sinne produktiv zu sein.

Ohnesorg, Dutschke, Wasserwerfer, Mao-Kongress

Dieser Graben ist verschwunden, während es ihn noch gibt. Verschwunden ist er, weil sich Studieren heute, in Zeiten von Creditpoints und Anwesenheitspflicht, dem Zwangscharakter der Arbeitswelt annähert. Deshalb ist es auch sehr gestrig, wenn der Fernsehmoderator Markus Lanz seine Zuschauer begrüßt mit: „Guten Abend, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten.“ Oder wenn man auf die Frage, warum Studenten um sieben aufstehen, antwortet: Weil der Supermarkt um acht zumacht. Das ist die alte Bundesrepublik: Ohnesorg, Dutschke, Wasserwerfer, Mao-Kongress. Das hat wenig zu tun mit der Universität von heute, mit Karrieremessen und Lebenslaufseminaren.

In den Köpfen gibt es diesen Graben aber noch. Der Hass auf Studenten ist abrufbar. Studieren als Selbstzweck, ohne direkte Orientierung in die kapitalisierte Arbeitswelt, ist auch heute ein Wert, der nicht mehrheitsfähig ist. Die Studenten stehen unter dem ständigen Rechtfertigungsdruck gegenüber jenen, die arbeiten.

Mit den Reformen von Bologna, die eine Ökonomisierung des Studiums vorantrieben und die Universität in die Zwänge der sogenannten hart arbeitenden Bevölkerung eingliederten, hat der Studentenhass, der Ohnesorg und Dutschke ins Grab brachte, einen späten Sieg davon getragen.

Zum Abschluss ein Witz. Ich find‘ ihn ganz gut.

„Liebe Eltern,“ schreibt der Student, „ich habe schon lange nichts mehr von Euch gehört. Schickt mir doch einen Scheck über 500 Euro, damit ich weiß, dass es Euch gut geht.“

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