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Rente mit 56

Die wirklich großen Karrieren beginnen mit einem Purzelbaum und enden mit der Rente mit 56.

An meiner Schule, einem schwäbischen Gymnasium nahe Stuttgart, erzählte man sich die Geschichte eines ehemaligen Schülers, der bei der Abiturprüfung in Sport nichts weiter als einen Purzelbaum gemacht haben soll. Der ehemalige Schüler heißt Harald Schmidt. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Aber sie macht Hoffnung: Ein eleganter und gut inszenierter Purzelbaum kann so viel folgenreicher sein als jahrelanges Engagement in Lerngruppen.

Auf Abitur und Purzelbaum folgten eine Bewerbung an einer Journalistenschule, erfolglos, eine erfolgreiche Ausbildung zum Schauspieler, Engagements am Theater und im richtigen Moment die Weggabelung zum Kabarett, ans Düsseldorfer Kommödchen. Da war Harald Schmidt, wie er sich erinnert, kurz davor zum „Kantinenschauspieler“ zu werden, der abseits der Bühne motzt und lästert und den Intendant nachäfft. Das war seine Rettung.

Ein bisschen wie bei Christoph Waltz, den Quentin Tarantino im letztmöglichen Moment aus dem Tal deutscher Fernsehproduktion ausflog. Auf dem Weg ins Fernsehen sei Talent nicht das entscheidende gewesen, denn Talent haben viele, sondern Hartnäckigkeit, sagt Harald Schmidt. Das beharrliche Einrennen von Türen.

Dann saß er jahrelang auf seinem Bürostuhl hinter einem Schreibtisch, schlagfertiger als alle anderen im Land, in einem Fernsehstudio in Köln, Krawatte, Anzug, Brille, und erlebte die Höhen und Tiefen seiner Late Night Show gleichbleibend gut gelaunt. Er wechselte die Sender, die Sender wechselten die Chefs, die Quote fiel und stieg, das Feuilleton fand Gefallen, das Feuilleton wendete sich ab, der Bezahlsender Sky kaufte ihn. Zuletzt war die Quote kaum messbar.

Man verschenkte die Eintrittskarten zu seiner Show, um das Studio vollzubekommen, was für Harald Schmidt ein gutes Warm-up-Thema war: Na, wo haben Sie ihre Karte her? Auch geschenkt bekommen? Auf die Frage, warum er nicht aufhörte, als es am schönsten war, antwortete er immer das gleiche: Was nutzt es denn, wenn man im Café sitzt und sagen kann „Hey, ich bin übrigens der, der aufgehört hat, als es am schönsten war“? Und auf die Frage, was er jetzt vorhabe, antwortete er unterschiedlich und, so wirkte es jedenfalls, nicht sehr gerne: Er wolle jetzt in Paris an der Metro sitzen und französische Frauen angucken. Das war eine seiner Antworten.

Eins ist ziemlich sicher: Harald Schmidt beendet in dieser Woche seine Fernsehkarriere. Rente mit 56, ein sozialdemokratischer Traum. Auf Twitter geisterte vor einigen Wochen kurzzeitig das Gerücht umher, dass er jetzt beim österreichischen Servus TV anfängt, was irgendwie eine gute Pointe wäre, nachdem Harald Schmidt versichert hatte, dass es vorbei sei im deutschen Fernsehen. Aber das blieb ein Gerücht. Leider.

Die Wahrheit ist: Es gab keine Höhen und Tiefen der Harald Schmidt Show. Es gab unterschiedliche Reaktionen des Publikums. Es gab diejenigen, die nur Schmidt guckten, als alle Schmidt guckten. Das ist wie beim Fußball: Da gibt es auch die unerträglichen Kröten, die sich nur für Europa- und Weltmeisterschaften interessieren, aber die Bundesliga ist ihnen vollkommen egal. Aber der Zauber findet statt, wenn Braunschweig auf Frankfurt trifft oder der FC Köln auf Union Berlin.

Harald Schmidt lieferte jahrelang die Kunstfigur Harald Schmidt, frei von Qualitätsschwankungen: einen bösen Mann, dem die Pointe über alles geht, über Anstand, Moral und politische Orientierung. Hinter der Kunstfigur jedoch sah das anders aus. Da kritisierte Harald Schmidt Johannes B. Kerner für eine Live-Sendung aus Erfurt, als dort kurz vorher ein Amoklauf stattgefunden hatte. Da wies er vor laufender Kamera Oliver Pocher zurecht, weil er einen Gast schlecht behandelte. In Wahrheit ist Harald Schmidt nicht so böse, wie er tat. Auch dafür muss man ihn vermissen.

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Witz und Vorurteil

Warum war Jesus ein Student? Weil er lange Haare hatte und immer, wenn er etwas tat, dann war das ein Wunder.

Wie funktioniert so ein Studentenwitz?

Zum einen – wie jeder Witz – durch unerwartete Wendungen in der Pointe, durch Überraschungen. Zum anderen aber durch gemeinsame Vorurteile. Über Ostfriesenwitze lacht man nur, wenn man die Vorurteile über Ostfriesen kennt (nicht sehr schlau). Beamtenwitze sind nur lustig, wenn man der Meinung ist, Beamten seien faul. Ein Witz ist oft ein humorvoll zugespitztes Ressentiment.

Das Vorurteil, das zum Verständnis der Jesus-Pointe grundlegend ist, heißt: Studenten sind lichtscheu, antriebslos, verwahrlost, ungepflegt, manchmal gar eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Der Studentenwitz ist die friedliche Variante der Mehrheitsgesellschaft, mit ihrer Wut auf Andersartigkeit umzugehen.

Der Studentenwitz erlaubt einen Blick in die deutsche Geschichte

Dabei schreitet die Produktion neuer Witze langsamer voran als die Veränderung der Gesellschaft. Der Student, über dem im Fall des Jesuswitzes gelacht wird, ist der Student der sechziger, siebziger und vielleicht noch der achtziger Jahre. Es ist nicht der optimierte Bachelorstudent von heute. Wir können mit diesem Witz in die Vergangenheit der Bundesrepublik schauen. In eine Zeit, in der es lebensgefährlich sein konnte, Student zu sein.

Das Ressentiment, das sich heute in Studentenwitzen zuspitzt, bereitete damals das Klima, in dem es zum Attentat auf Rudi Dutschke und zum Tod von Benno Ohnesorg kommen konnte. Der Graben zwischen dem Land und seinen Studenten war bedrohlich tief. Auf der einen Seite der Volkszorn und die Boulevardpresse, die Jagd auf Studenten machte. Auf der anderen SeiteUniversitäten, an denen man über den Umsturz diskutierte.

Dieser Graben markierte jedoch nicht allein politische und weltanschauliche Differenzen, er entstand auch durch Missgunst und Neid gegenüber studentischer Lebensführung. Die sogenannte hart arbeitende Bevölkerung beobachtete mit großer Skepsis jenen Teil des Landes, der sich über Jahre und Jahrzehnte im Halbdunkel von Wohngemeinschaften und Bibliotheken herumtrieb, ohne im verbreiteten Sinne produktiv zu sein.

Ohnesorg, Dutschke, Wasserwerfer, Mao-Kongress

Dieser Graben ist verschwunden, während es ihn noch gibt. Verschwunden ist er, weil sich Studieren heute, in Zeiten von Creditpoints und Anwesenheitspflicht, dem Zwangscharakter der Arbeitswelt annähert. Deshalb ist es auch sehr gestrig, wenn der Fernsehmoderator Markus Lanz seine Zuschauer begrüßt mit: „Guten Abend, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten.“ Oder wenn man auf die Frage, warum Studenten um sieben aufstehen, antwortet: Weil der Supermarkt um acht zumacht. Das ist die alte Bundesrepublik: Ohnesorg, Dutschke, Wasserwerfer, Mao-Kongress. Das hat wenig zu tun mit der Universität von heute, mit Karrieremessen und Lebenslaufseminaren.

In den Köpfen gibt es diesen Graben aber noch. Der Hass auf Studenten ist abrufbar. Studieren als Selbstzweck, ohne direkte Orientierung in die kapitalisierte Arbeitswelt, ist auch heute ein Wert, der nicht mehrheitsfähig ist. Die Studenten stehen unter dem ständigen Rechtfertigungsdruck gegenüber jenen, die arbeiten.

Mit den Reformen von Bologna, die eine Ökonomisierung des Studiums vorantrieben und die Universität in die Zwänge der sogenannten hart arbeitenden Bevölkerung eingliederten, hat der Studentenhass, der Ohnesorg und Dutschke ins Grab brachte, einen späten Sieg davon getragen.

Zum Abschluss ein Witz. Ich find‘ ihn ganz gut.

„Liebe Eltern,“ schreibt der Student, „ich habe schon lange nichts mehr von Euch gehört. Schickt mir doch einen Scheck über 500 Euro, damit ich weiß, dass es Euch gut geht.“

Wer nicht spurt, wird vorgeführt

Ich habe mir einen neuen Fernseher gekauft und ein bisschen Fernsehen geschaut. Und jetzt habe ich ein paar Fragen.

Isst du gerne Ziegenhoden oder lebendige Würmer mit Sahne? Stöckelst du gerne, als eine von 22 jungen Frauen, vor einem Glatzkopf auf und ab – in der verzweifelten Hoffnung, dass er dich zu einem Date einlädt? Singst du gerne für einen alternden Schlagerstar, der dich als Schlampe bezeichnet? Tanzt du gerne für ein alterndes Model, das dich zu dick findet?

Nein?

Dann solltest du nicht ins Dschungelcamp (RTL) gehen, nicht zum „Bachelor“ (RTL), nicht zu „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) und auch nicht zu „Germany’s Next Topmodel“ (Pro7). Du musst da nicht hin – niemand zwingt dich.

Aber was denkst du, wenn dir Menschen gegenübersitzen, vor denen du lückenlos dein Leben rechtfertigen musst, jede Auszeit, jede Abbiegung, jeden Irrtum? Wie fühlt es sich an, wenn du lachend und zwanghaft freundlich darum betteln musst, dass du in Zukunft die meiste Zeit deines Tages in einem Büro verbringen darfst oder in dunklen Lagerhallen oder an der Kasse eines Supermarkts – bis du abends müde ins Bett fällst? Bereitet dir das Sorgen?

Ja? Dann wirst du, mit hoher Wahrscheinlichkeit, Schwierigkeiten bekommen.

Seit es Castingshows gibt, gibt es auch die Kritik daran: Viele Menschen finden sie erniedrigend und bösartig, teilweise gar menschenverachtend. Viele sehen Castingshows als Phänomen des Prekariats, der Armen und Abgehängten – zum einen. Zum anderen werden sie quer durchs Land geschaut und, teilweise heimlich, genossen. Zeitungen und Nachrichtenportale rezensieren das Dschungelcamp wie Theateraufführung – als gehe es um Fiktion, um ein Spiel.

Castingshows als Parabel auf unsere Arbeitswelt

Dabei bilden diese Sendungen Wirklichkeiten ab, und erklären, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Castingshows sind eine Parabel auf unsere Arbeitswelt – auch auf die Welt der Schulen, Ausbildungsstätten, Universitäten. Sie propagieren, dass wir hoffnungslos unvollkommen sind, aber uns eine letzte Chance bleibt: Wir müssen uns anstrengen, über Grenzen gehen, den Schmerz überwinden und manchmal auch an der richtigen Stelle die Klappe halten.

Wer nicht bereit ist, diese Chance zu nutzen, wird bestraft und vorgeführt.

So ist das beim Dschungelcamp. Beispielhaft diese Szene: Ein Kandidat bricht seine Teilnahme ab, als man ihm Stromschläge verpasst und mit Insekten und Dreck überschüttet. Das versetzt eine andere Kandidatin in Rage.

Sie schreit: „Ich habe das acht Tage gemacht. Ich habe Schmerzen. Aber auf eine Idee bin ich noch nie gekommen: aufzuhören, bevor es vorbei ist!“ Die Kandidatin ist einen Schritt weiter: Sie hat die Propaganda der zu überwindenden Unvollkommenheit internalisiert. Sie funktioniert ganz ohne Sklaventreiber.

So ist das bei „Germany’s Next Topmodel“. Hier investiert Heidi Klum ihren seltsam gestählten Ehrgeiz in das Projekt, jungen Frauen einzureden, dass sie zu dick sind, seltsam laufen, zu widerspenstig sind. Sie macht das in einer Strenge, die jeden Fallmanager in jedem Arbeitsamt dieses Landes in den Schatten stellt.

Das Prinzip: Verknappung und Wettlauf

So ist das auch beim „Bachelor“. 22 junge Frauen sitzen in einer Villa in Südafrika und betrinken sich. Ein Mann in Anzug beobachtet sie dabei und wählt, nach und nach, einzelne Frauen aus, mit denen er im Pool planschen will, eine Safari macht oder eine Tour im Hubschrauber. Die jeweils zurückgeblieben Frauen zerbrechen sich dann den Kopf: Warum bin ich nicht dabei? Was mache ich nur falsch? Sie klingen dann, als habe man ihnen nach der vierhundertsten Bewerbung wieder eine Absage geschickt.

Man kann diese Castingshows natürlich ignorieren und gar nicht ein- oder wegschalten. Dann bleibt aber immer noch die große Show im echten Leben, und der entkommt man schwerer. Die Spannung dieser Show besteht darin, dass es weniger gute Arbeit gibt als Arbeitssuchende. Das Prinzip dieser Show heißt Verknappung und Wettlauf.

Wir werden schon in der Schule, und später an der Universität, mit dem Nervenkitzel der Arbeitslosigkeit konfrontiert: Wer nicht arbeitet, fliegt raus aus der Gesellschaft. Nicht nur, weil man ohne Arbeit kaum Geld hat. Sondern vor allem, weil man ohne Arbeit nicht anerkannt wird.

Und wenn man es nicht schafft, seine Unvollkommenheit zu überwinden, dann glotzt einen der Kapitalismus an; hämisch wie Sonja Zietlow, lächelnd wie der Bachelor, verächtlich wie Dieter Bohlen, streng wie Heidi Klum.

Die verbogene Partei

Es gibt zwei Arten, Politik zu beobachten. Die eine ähnelt dem, was ein Sportreporter macht: Am Spielfeldrand sitzend, betrachtet er das Geschehen aus sicherer Halbdistanz und identifiziert Sieger und Verlierer. In Deutschland ist das sehr verbreitet, im Journalismus sowieso.

Die andere Art der Beobachtung verfolgt nicht Personen, sondern Ideen. Bei dieser Sicht ist der Sieg nicht dann erreicht, wenn eine Person etwas geschafft hat, sondern wenn sich eine Idee durchsetzt.

Was bei der ersten Betrachtungsweise nach einem Sieg aussieht, kann in Wahrheit eine Niederlage sein. Die Niederlage einer Idee.

Für jene, für die Politik vor allem ein Wettkampf von Personen ist, gibt es im Moment einen klaren Gewinner auf dem Berliner Parkett: Er heißt Sigmar Gabriel und ist Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Wenn sich die SPD an diesem Wochenende zu ihrem außerordentlichen Bundesparteitag trifft, dann kann Gabriel mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes anreisen, dem es gelungen ist, einen Abstiegskandidaten, denn das ist die Partei, als Sieger zu präsentieren: gewonnenes Mitgliedervotum, erfolgreiche Koalitionsverhandlungen, Regierungsbeteiligung. Wäre die SPD ein Verein zur Befriedigung ihres Vorsitzenden, dann hätte dieser Verein seinen Zweck in den letzten Wochen erfüllt.

Doch: Der Triumph des Vorsitzenden ist eine Niederlage der Partei. Die SPD ist noch immer in der Krise, in die Gerhard Schröder sie mit seiner Agenda-Politik gestürzt hat. Sie ist noch immer eine verbogene Partei. Und die Beteiligung an der Großen Koalition wird daran nichts ändern. Im Gegenteil.

Wer das Schicksal der Partei nicht mit dem Blick eines Sportreporters betrachtet, also nicht als Abfolge von Siegen und Niederlagen einzelner Personen, sondern den großen Linien folgt, den Ideen, der erkennt schnell, dass die SPD in der Vergangenheit lebt: Die Identitätsfragen werden auf Gestern verschoben.

Das hat das vergangene Jahr gezeigt. Erst wurde der 150. Geburtstag der Partei gefeiert, dann der 100. Geburtstag Willy Brandts. Brandt musste für alles herhalten, sogar für die Richtigkeit einer Koalition mit Angela Merkel. Er wurde zum Konfuzius der Partei. Zum Glückskeks-Willy. 2013 machte die SPD einen kollektiven Ausflug ins Museum. Volle Fahrt zurück.

Man kann das als Beweis für die Strahlkraft Willy Brandts werten. Oder dafür, dass sich die Partei unwohl in der Gegenwart fühlt und Angst vor der Zukunft hat.

Noch immer hat die Partei keine Idee entwickelt, wie sie jene Millionen von Wählern zurückzuholen will, die seit 1998 hauptsächlich nach links oder ins Lager der Nichtwähler abgewandert sind. Diese Wähler werden sich kaum von guten Kompromissen mit Angela Merkel überzeugen lassen oder von hart erkämpften Teilerfolgen in der Großen Koalition. Sie werden nicht zurückgeholt von ein bisschen mehr Gerechtigkeit in der Rente, nicht von einem verspäteten Mindestlohn mit Ausnahmen, nicht von ein wenig mehr Regulierung der Banken, nicht von einer kleinen Energiewende, nicht von einer leicht verbesserten Europapolitik und auch nicht von ein bisschen Protest gegen die Überwachungsmethoden amerikanischer Geheimdienste. Sie werden nur zurückgeholt von einer selbstbewussten linken Partei mit Profil, die ihre Ideen nicht verrät.

Dieses Profil fehlt der SPD nach wie vor und es wird sich in der Großen Koalition kaum schärfen lassen. Da sitzen die SPDler an einem Tisch mit einer Partei, der CSU, die mit ausländerfeindlichen Parolen Stimmung gegen Einwanderer macht, und einer anderen Partei, der CDU, die langsam und beharrlich einen gesetzlichen und flächendeckenden Mindestlohn aushöhlen will, bis er kein gesetzlicher und flächendeckender Mindestlohn mehr ist. Mag die CDU unter Angela Merkel noch so profillos sein, noch so ausgeblutet und charakterlos, sie hat doch genügend Kraft, um alles, was nach einem Erfolg der SPD aussehen könnte, kleinzureden. Profillosigkeit kann auch ansteckend sein: Die CDU unter Angela Merkel verbreitet diesen Virus – die SPD ist schon infiziert.

Die Frage ist, wie die SPD Profil gewinnen kann in einer Zeit, in der Politik so spektakulär langweilig geworden ist, so technisch und grau. Nur eingefleischte Fans werden Spaß daran haben, Merkel und Gabriel interessiert dabei zu beobachten, wie sie über den kleinen Parcours von Rente, Pflege und Mindestlohn traben. Dabei weitgehend unbehelligt von einer Opposition. Abseits der großen Fronten. Fernab von echtem Streit.

Sicher: Politik ist Klein-Klein, Politik heißt Kompromiss und Politik heißt auch manchmal Langeweile. Ball vor, Ball zurück. Das alles ist notwendig, um Größeres anzustreben. Das Problem ist nur: Im Moment ist das Große nicht sichtbar. Sigmar Gabriel nennt diese Regierung eine „Koalition der kleinen Leute“. In Wahrheit jedoch regiert die SPD in einer Koalition des kleinen Denkens.

Es ist fast untergegangen, dass es der SPD nicht gelungen ist, eines der wichtigsten Anliegen des Wahlkampfs, und damit ein Versprechen an ihre Wähler, in den Koalitionsvertrag zu schreiben: eine gerechtere Steuerpolitik. Ebenso ist untergegangen, dass die Parteiführung in nächtlichen Verhandlungsrunden ohne Not ein sehr sozialdemokratisches Ziel aufgegeben hat: mehr Geld für die Entwicklungspolitik. Auch das hatte man im Wahlprogramm versprochen. Der entwicklungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion hat deswegen aus Protest sein Amt niedergelegt. Das sind nur zwei Beispiele, wie Erfolge von Personen manchmal Niederlagen von Ideen bedeuten.

Es wird in den kommenden vier Jahren ein Duell geben müssen: die große Idee der sozialen Demokratie gegen das Kleingedruckte im Koalitionsvertrag. Manchmal wird das auch bedeuten: Parteibasis gegen Parteiführung. Die Schröder-Jahre haben gezeigt, wie mit dem Argument von Regierungsverbindlichkeiten eine Basis überrannt werden kann. Das darf sich nicht wiederholen.

Die Partei wird sich das Recht erkämpfen müssen, trotz Regierungsverantwortung die großen Fragen zu diskutieren: Wo steht die SPD? Ist sie eine Partei, die nur die groben Reparaturarbeiten übernimmt in einer vom Kapitalismus angefressenen Demokratie? Oder eine Partei, die eine anderes Gesellschaftsmodell entwirft und mehrheitsfähig macht?

Das wäre ein Schritt in die Gegenwart. Wenn der gemacht ist, warten die Fragen der Zukunft.

Stoppt die Bürohaltung!

Stoppt Bürohaltung

Man muss es doch mal sagen: Studieren ist großartig. Man sollte so lange studieren, wie es nur irgendwie geht. Unter Zuhilfenahme aller möglichen Tricks.

Denn was nach dem Studium wartet, ist furchterregend: Arbeit. Im schlimmsten Fall sogar: Arbeit in einem Büro. Tagelang herumsitzen auf engstem Raum, mit gelegentlicher Fütterung. Bei Hühnern nennt man das Käfighaltung. Und Käfighaltung ist zu Recht verpönt.

Dieser Text hat nur ein Ziel: Er soll dazu beitragen, dass wir in Deutschland die Haltung von Menschen in Büros gesellschaftlich ächten. Um dieses Ziel zu erreichen, werde ich mich mit Femen verbünden. Die jungen Aktivistinnen sollen barbusig auf die Schreibtische von Krankenkassensachbearbeitern springen und schreien: STOP OFFICE WORK! STOP OFFICE WORK! Sie werden Betriebskantinen stürmen und ins Salatbuffet hüpfen.

Wir brauchen endlich eine Debatte über Bürohaltung

Femen hat kürzlich aus Protest einen Gottesdienst im Kölner Dom gestört. Was aber ist der Katholizismus von Kardinal Meisner gegen die brutale Ideologie der Bürohaltung? Wir brauchen in dieser Gesellschaft endlich eine Debatte über Bürohaltung.

Bürohaltung ist gefährlich, unterdrückerisch und totalitär.

Da ist zum Beispiel Herr Häberle. Herr Häberle wird seit Jahrzehnten in einem Großraumbüro im Stuttgarter Umland festgehalten. Er muss Anträge prüfen und stempeln. Grüner Stempel heißt: angenommen. Roter Stempel heißt: abgelehnt. Herr Häberle hat eine Kaffeetasse, die mit seinem Namen markiert ist. Im Inneren der Tasse steht ein Spruch: Du bist meine Morgensonne.

Herr Häberle sitzt auf einem Bandscheiben-Drehstuhl, den hat er sich vor drei Jahren vom Hausmeister gewünscht. Alle drei Jahre gibt es einen neuen. Dann geht der Hausmeister mit einem Klemmbrett durch die Abteilungen und sagt nur drei Worte: „Leute, Großbestellung, Bürobedarf.“ Drehstühle bestellen – das ist das letzte große Abenteuer im Leben des Herrn Häberle. Ein bisschen Freiheit.

Früher gab es in der Kantine noch Auswahl. Es gab Gericht 1 und Gericht 2. Jetzt gibt es nur noch Gericht 1. Und zum Nachtisch entweder Grießbrei oder einen Apfel. Bald werden sie uns auch noch den Grießbrei nehmen, denkt Herr Häberle.

Oder da ist Sabrina aus Berlin. Sabrina arbeitet in einem Unternehmen, das sich als „jung“ bezeichnet. „Jung“ bedeutet in diesem Zusammenhang: befristete Verträge, falsche Freundlichkeit, dafür aber ein Tischkicker auf jeder Etage und Latte Macchiato bis zum Abwinken. In Sabrinas Unternehmen werden ab 11.15 Uhr Arbeitsgruppen für den Gang in die Kantine gebildet. Man nennt die Kantine hier „Lounge“.

Lachen über Hierarchien hinweg

Sabrina ruft ihre Kollegen an. Sabrina fragt: „Hey, ich gehe um eins mit den anderen runter in die Lounge was lunchen, magst du auch?“ In Sabrinas Unternehmen wird viel gelacht. Auch gerne mal über Hierarchien hinweg. Das ist ja das Perfide.

Herr Häberle zum Beispiel weiß, dass seine Arbeit scheiße ist. Sein Vorgesetzter ist ein humorloser Idiot, der Abteilungsleiter dick und faul. Herr Häberle motzt, so viel er kann, und ist immer schlecht gelaunt. Aber Sabrina muss immer lachen: Beim Ski-Ausflug mit den Kollegen, bei der Weihnachtsfeier. „Spaß bei der Arbeit ist mir ganz arg wichtig“, sagt Sabrina.

Die fiktiven Beispiele Herr Häberle und Sabrina sind keine Einzelfälle. Wie ihnen geht es Hunderttausenden in diesem Land. Bürohaltung ist ein Phänomen, das uns alle angeht. Bürohaltung kommt überall vor, beinahe unabhängig von Alter und Schichtzugehörigkeit. Bei Versicherungen, in Autohäusern, auf Ämtern, in Werbeagenturen, in Groß- und Kleinverlagen. Wenn ein Angehöriger von Ihnen täglich acht Stunden in einem Büro verschwindet, dann schauen Sie nicht weg! Fragen Sie nach!

Ich starte jetzt die Kampagne BÜRO 2014. Mein Ziel ist es, bis zum Ende des Jahres die Fälle von Bürohaltung in Deutschland zu halbieren. Es gibt bereits ein Logo. Wer mich unterstützen will, der kann sich unter buero@uniloser.de melden.

Gerade Studenten sollten sich hier engagieren. Sie haben Zeit und sind akut von Bürohaltung bedroht. Ich finde es erschreckend, dass so ein reiches und zivilisiertes Land wie Deutschland Bürohaltung nötig hat. Packen wir es an.

Meine 5 liebsten Angstmacher

Ich glaube, ich hatte manchmal Schwierigkeiten an der Uni, weil ich zu wenig gemacht und zu viel gegrübelt habe. Manchmal denke ich aber, dass Grübeln das Schönste am Studieren ist.

Ich habe die letzten Tage über einen seltsamen Widerspruch nachgedacht, über die Gleichzeitigkeit zweier Entwicklungen, die nicht zusammenpassen – auf den ersten Blick. Das Ergebnis meiner Überlegungen ist: Der Kapitalismus funktioniert wie eine Terrorbande. Er muss nur gelegentlich drohen, um dauerhaft Angst zu verbreiten. Weil wir die Angst verinnerlichen, weil sie sich in uns verselbständigt.

Ich will erklären, wie ich darauf komme. Beginnen wir auf dem Campus: Seit meinem ersten Studientag, das war im Frühjahr 2007, begegne ich verunsicherten, ängstlichen Menschen. Studenten, die auf ihre Zukunft blicken, als steuerten sie auf ein Gewitter zu, auf das es sich vorzubereiten gilt: dieses dauerhaft apokalyptische Reden. Als sei jedes Abbiegen auf dem Lebensweg nur eine Sicherheitsvorkehrung im Angesicht der nahenden Katastrophe. Wir präparieren unsere Lebensläufe, jeder für sich, wie man sein Haus vernagelt, bevor der große Sturm kommt.

Warum sind wir nicht entspannter?

Die größte, die existentielle Frage an deutschen Universitäten lautet: Müssen wir das für die nächste Klausur wissen? Man kann diese Angst kaum jemandem vorwerfen. Jedenfalls nicht jenen, die sie haben.

Diese Angst – das ist die eine Sache. Die andere Entwicklung sollte uns eigentlich beruhigen. Wer studiert hat, wird sehr selten arbeitslos und verdient verhältnismäßig gut. In diesem Jahr studieren an deutschen Hochschulen mehr Menschen denn je. Deutschland geht es wirtschaftlich besser, viel besser als dem europäischen Durchschnitt. Der Uni-Psychologe Wilfried Schumann sagt, viele Studenten seien heutzutage viel grausamer gegen sich selbst, als das System zu ihnen sei.

Eine Rätselfrage: Warum sind wir nicht entspannter, wenn doch offenbar die Grundlage für unsere Angst verschwindet?

Ich glaube, es ist wie mit dem Terrorismus. Die Angst vor Terrorismus ist in diesem Land unverhältnismäßig groß im Vergleich zu der Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Diese Angst ist irrational – aber es gibt sie. Sie ist real, solange es Menschen gibt, die an ihrer Verbreitung interessiert sind.

Meine persönliche Angst-Hitliste

Ich glaube, es gibt ebenso Institutionen und Verbände, die daran interessiert sind, die Angst an Universitäten aufrechtzuerhalten – die von ihr profitieren. Ängstliche Studenten sind ideal für den Arbeitsmarkt, weil sie kaum Ansprüche stellen. Um an einen Job zu kommen, akzeptieren sie befristete Verträge und machen unbezahlte Praktika und Überstunden. Sie sind zu jener Ausbeutung bereit, die sich unterhalb des Radars von Arbeitsmarktstatistik und Wachstumszahlen abspielt.

Weil Rankings im universitären Zusammenhang en vogue sind, habe ich eine Top 5 der Campus-Angstmacher aufgestellt.

  • Kostenlose Karrieremagazine wie „Unicum“ oder „Audimax“. Sie propagieren in hunderttausendfacher Auflage den unterwürfigen Super-Studenten und sind voll mit (nicht immer gut gekennzeichneten) Anzeigen großer Unternehmen. Früh übt sich: Beide Hefte haben auch Ableger für die Schule.
  • Bewerbungstrainings an Universitäten. Klar: Wer arbeiten will, muss wissen, wie man sich bewirbt. Dass man im ersten Semester aber darüber spricht, welche Socken man beim Vorstellungsgespräch anziehen sollte, hat mehr mit Sklavenerziehung zu tun als mit sinnvoller Vorbereitung aufs Leben.
  • Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Mit einem Millionenetat wirbt die Initiative für einen unternehmerfreundlichen Umbau von Arbeitsmarkt und Bildungswesen. Den Mindestlohn bezeichnet ein Vertreter der Initiative als Ausdruck eines „linken Zeitgeists“.
  • Kommilitonen. Manchmal sitzen die Panikmacher auch mitten unter uns. Hier gilt: mit entspannter Gegenrede kontern.
  • Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Bekannt durch sein Hochschulranking. Das CHE setzt sich nach eigenen Angaben für ein „wandlungsfähiges Wissenschaftssystem“ ein. Kritiker werfen dem von der Bertelsmann-Stiftung finanzierten Centrum vor, neoliberale Hochschul-Reformen zu vertreten.

Ich gebe es zu: Mein Ranking ist subjektiv, unvollständig und methodisch fragwürdig. So ist das mit Rankings eben. Ich glaube: Wir sollten weniger Angst haben. Sie nützt nur den Angstmachern.