Archiv der Kategorie: Medien

Danke Oliver für diese Überschrift:

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In ihrem Dorf in Mazedonien ist der Sommer noch Sommer und der Winter noch Winter.

Hitze und Schnee, das ist ihr Dorf.

In ihrem Dorf in Mazedonien ist die Familie so groß, dass sie gar nicht genau sagen können, wie groß sie ist: Mit allen Onkeln und Tanten, Geschwistern, Cousinen und Cousins, mit allen Kindern. 60, vielleicht 70? Sie müssten mal zählen.

Çhelopek, so heißt ihr Dorf in Mazedonien. „Tschellopek“, das C hat einen Haken im Albanischen, Abdulla Ramadani zeichnet ihn in die Luft. Abdulla Ramadani, 38, rot kariertes Hemd über weißem Unterhemd: ein bedächtiger Mann mit klugen Antworten, selbst wenn man ihn nach Offensichtlichem fragt, nach eigentlich Naheliegendem. Wenn man, beispielsweise, nach dem Wert der Großfamilie fragt.

Er sitzt in einer Erdgeschosswohnung in Hamburg-Farmsen, einem Stadtteil der roten Backsteinhäuser. In einer Stadt, in der die Sommer selten Sommer sind und die Winter selten Winter. In einem Land, in das sein Vater vor 40 Jahren einwanderte, um Arbeit zu finden und später die Familie nachzuholen. Erst war der Vater Bauarbeiter, dann kontrollierte er Maschinen in einer Schokoladenfabrik, Smarties- Abteilung. 30 Jahre lang, für das Geld, für die Familie, jetzt kann er Schokolade nicht mehr sehen.

Es ist eines der seltenen Wochenenden, an denen der HSV auswärts gewinnt, drei Tore gegen Freiburg durch drei Fehler des gegnerischen Torwarts: Einmal hat er über den Ball gegriffen, einmal ist er drüber gestolpert, einmal ist er drunter hinweggerutscht. An diesem Wochenende denkt Abdulla Ramadani an Fußball. Wenn Abdulla Ramadani an Fußball denkt, dann beginnt er über seinen Sohn nachzudenken: zentrales defensives Mittelfeld, ein guter Fußballer, SC Condor, Hamburg-Farmsen, für eine Zeit auch Kapitän, erfolgversprechend, wäre nicht die Pubertät gekommen, die Faulheit, die Lethargie.

Der Sohn sagt: Es waren die Verletzungen, die Schulter.

Der Vater sagt: Ich mache mir Sorgen um den Jungen.

Der Sohn sagt: Ich schicke Bewerbungen ab.

Ramadani sitzt auf einem Teppichboden, der gerade erst gesaugt wurde, mit dem Rücken lehnt er am Wohnzimmerschrank, Stickkunst an der Wand, schwere Gardinen vor den Fenstern.

Seine Familie sitzt um ihn herum, erste Generation, zweite Generation, dritte Generation: sein Sohn, der Fußballer, sein Vater, der Mann mit den Smarties, der aufrecht im Sessel sitzt und regelmäßig die Armbanduhr prüft, seine Mutter, Kopftuch, rote Wangen, seine Frau, zurückhaltend, die Frau seines Bruders, still, die Tochter seines Bruders, der Sohn seines Bruders, die zweite Tochter seines Bruders, seine Tochter, der zweite Sohn, der sich den Arm gebrochen hat, sein Bruder. Die Frauen zurückhaltender als die Männer.

Zwölf Menschen, die sich jedes Wochenende sehen und fast jeden Tag. Die Kinder rennen durch die Wohnung. Die Erwachsenen schauen Filme. Sie fahren bei gutem Wetter in den Heide-Park Soltau, zum Hamburger Dom, Autoscooter, Riesenrad, Fußball. Die Großmutter macht albanische Bohnensuppe, die Kinder wollen die Suppe nicht, sie wollen Nudeln.

Das Prinzip der Familie Ramadani heißt: Jeder hilft, wo Hilfe nötig ist. Jeder tut, was er kann.

Abdulla geht mit seinen Eltern auf die Ausländerbehörde, den Pass erneuern. Abdulla hilft seinem Vater bei der Suche nach einer guten Kfz-Versicherung, er füllt ihm die Formulare für die Krankenkasse aus. Sein Vater kann Deutsch, aber das Deutsch der Formulare ist ein anderes. Wenn sein Vater frühmorgens auf den Fischmarkt geht, bringt er Obst für die ganze Familie mit. Wenn einer der Brüder ein neues Auto kaufen will, leiht ihm der andere Bruder Geld. Wenn Winterreifen auf die Autos müssen, dann schrauben sie zu dritt. Und wenn eines der Kinder in Mathe Schwierigkeiten hat, dann fragen sie Zubejda, Abdullas Tochter, siebte Klasse, Gymnasium.

„Welchen Sinn hat das Leben ohne Familie?“, fragt Abdulla. Für ihn ist das eine rhetorische Frage. Und wenn es eine Antwort gibt, dann nur eine: keinen.

Was ist Familie? Die Familie schweigt: erste Generation, zweite Generation, dritte Generation. Sie sitzt im Wohnzimmer und schweigt. Vielleicht ist die Frage dumm.

Als fragte man: Warum dreht sich die Erde? Warum fließt Wasser bergab? Was ist Wetter?

Dann sagt Zelfi, der Fußballer, nach Auskunft des Vaters erst kürzlich der Pubertät entkommen, 17 Jahre alt, drei Streifen auf der Trainingsjacke, ein strahlender Mensch: Familie ist, wenn immer jemand da ist.

Dann sagt Abdulla, sein Vater: Wir schicken die Alten nicht in Heime. Das ist Familie. Abdulla sagt, dass sich auch sein Sohn am wohlsten in Çhelopek fühle, in ihrem Dorf in Mazedonien.

Deutschland, das ist das Land der kleinen Familien, der Scheidungen, der sinkenden Geburtenraten, der Singles, der Altenheime. Das Land, in dem Alleinstehende Lasagne in die Mikrowelle schieben, während Abdulla Ramadani mit zwölf Menschen in einem Raum sitzt, Verbindungen aus Blut und Liebe, jedes Wochenende, wie jetzt.

Deutschland, das ist auch das Land von Thilo Sarrazin, sagt Abdulla. Und er erzählt, wie seine Mutter, die Kopftuch trägt, an einer Hamburger U-Bahn-Station einmal einen Passanten nach dem Weg fragte. Und wie der Passant geantwortet habe: Mit dummen Menschen rede ich nicht.

Abdulla denkt über seinen Sohn nach: In Çhelopek kann er Traktor fahren. Fußball spielen. Nichts tun. Ihm geht es besser dort, denkt Abdulla. Irgendwann einmal sollten wir aufs Land ziehen, denkt Abdulla. Wo es große Häuser gibt für wenig Geld. Deutschland, das ist das Land von Frühjahr, Herbst und Winter. Mazedonien, das ist das Land des Sommers, das Land der großen Ferien: Dann fahren sie in Hamburg-Farmsen los, zwei Autos, zehn Personen, 2.200 Kilometer, Übernachtung in Linz bei einem Cousin, nicht weit von der Autobahn weg, dann weiterfahren, nach zwei Tagen Fahrt steigen sie in Çhelopek aus: Sie rollen die Läden hoch in ihrem Haus. Sie lüften durch. Im Juli und im August liegen die Durchschnittstemperaturen in Çhelopek bei 30 Grad. Neben ihrem Haus stehen vier weitere Häuser, sie gehören der Großfamilie, 5.000 Quadratmeter Land. Im Sommer sind sie 60, vielleicht 70 Personen. Sie grillen. Zelfi, der Fußballer, darf Traktor fahren. Mit seinem Smartphone macht er Bilder vom Haus.

Abdulla denkt weiter über seinen Sohn nach: Er soll eine Ausbildung machen, einen Job finden. Was ist mit einer Freundin? Erst die Ausbildung, der Job. Was ist mit Ausziehen, einer eigenen Wohnung? Erst die Ausbildung, der Job. Bei der Arbeit spricht Abdulla mit einem Kollegen. „Ich habe Probleme mit meinem Sohn“, sagt sein Kollege. „Die Probleme sind überall die gleichen“, sagt Abdulla.

An einem Montag sitzt Abdulla Ramadani auf seiner Couch in Hamburg-Farmsen, vor zehn Jahren ist er bei seinen Eltern ausgezogen, ein paar hundert Meter weiter ist er gezogen, weniger als eine Minute läuft er zum Haus der Eltern, in dem auch der Bruder mit seiner Familie lebt. Es ist der Tag, nachdem sich die Familie zu zwölft getroffen und darüber gesprochen hatte, wie es ist, eine Familie zu sein, eine so große. Der Tenor war: Es ist sehr gut, eine so große Familie zu sein. Es ist wie ein Kreislauf. Abdullas Eltern sind noch nicht pflegebedürftig, aber wenn sie es sind, dann will Abdulla helfen, selbstverständlich. Vielleicht sind die Eltern dann sechs Monate im Jahr bei ihm, sechs Monate bei seinem Bruder. Oder die Eltern entscheiden, bei wem sie leben wollen. Seine Frau bringt schwarzen Kaffee. Milch. Schokoladenkekse. Kitkat.

Der Kaffee schwappt in den Bechern, als sie ihn auf den Wohnzimmertisch stellt. Abdulla zeichnet ein Diagramm: seine Familie. Das Diagramm hat drei Ebenen, jede Ebene eine Generation. Abdulla reibt sich das Gesicht. Er hat kaum geschlafen, wie er selten gut schläft am Wochenanfang. Montags wechselt seine Schicht, von der Frühschicht zur Spätschicht, von der Spätschicht zur Nachtschicht, von der Nachtschicht zur Frühschicht. „Ich arbeite für die Familie“, sagt Abdulla. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. „Wofür arbeitet man, wenn nicht für die Familie?“, fragt Abdulla.

Abdulla muss mit den Schichten arbeiten, doch die Schichten arbeiten gegen ihn. Sie arbeiten gegen die Familie. Und sie arbeiten gegen seine Religion.

Er wischt über sein Smartphone, wenn er die Gebetszeiten nachschauen will: 6.20 Uhr, 12.11 Uhr, 14.30 Uhr, 17.04 Uhr, 18.35 Uhr. Wenn er bei der Arbeit ist, dann kann er nicht beten. Aber er bete, sooft es geht. Er klingt fast entschuldigend.

Seine Frau kann den Koran auf Arabisch lesen. Die Kinder lesen den Koran auf Arabisch. Er ist noch nicht so weit, aber er will bald so weit sein. Wieder klingt er fast entschuldigend. Der Koran lehnt im Wohnzimmerregal, neben dem Fernseher, aufgerichtet, von bunten Post-its durchzogen, jede Sure griffbereit.

Eine Sure besagt, dass man der Familie helfen muss.

Sein Sohn Isa kommt in den Raum, geboren 2007, er hat keine Schule, weil er krankgeschrieben ist, der linke Arm ist unter seinem Pullover an den Körper gebunden, zwei Drähte stecken im Knochen: Er pendelt vom Wohnzimmer zur Küche, von seiner Mutter zu seinem Vater, sein Vater legt Isa eine Hand auf den Kopf.

Abdulla denkt über Isa nach: Vielleicht sollte er anfangen, in einem Verein Fußball zu spielen.

Letzte Woche war Isa durch die Wohnung gerannt und so hingefallen, dass ein Knochen splitterte. Er musste operiert werden. Isa lag fünf Tage im Krankenhaus. Die Ärzte beschwerten sich, weil jeden Tag Isas Familie kam und kleine Geschenke brachte, das war den Ärzten zu viel: die Eltern, die Großeltern, die Tante, der Onkel, Cousinen, Cousins, die Geschwister.

Neben Isa lag ein Junge im selben Alter, ein deutscher Junge, sagt Abdulla. Der deutsche Junge habe nur einmal Besuch bekommen, von seiner Mutter. „Wo ist Papa?“, habe der deutsche Junge gefragt. „Wo ist Opa?“

Abdulla war es peinlich, wie viele Geschenke sie Isa brachten. Doch vor allem war es ihm peinlich, wie einsam der deutsche Junge war.

Das ist ein Armutszeugnis

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Viele Leser haben mir nach meiner letzten Uniloser-Kolumne geschrieben. Einige haben sich Gedanken gemacht, wie eine ehrliche Bewerbung aussehen könnte. Sehr lachen musste ich über ein Zertifikat, das Theresa aus Mannheim entworfen hat: Das Armutszeugnis – für das Ausbleiben herausragender Leistungen.

„Mit großem Desinteresse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen“

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Ich schließe eine Wette ab: In einigen Jahren wird man an deutschen Universitäten das Fach „Bewerbungswissenschaften“ studieren können.

In „Bewerbungswissenschaften“, einem interdisziplinären und international ausgerichteten Turbo-Studiengang mit vielen praktischen Übungen, wird es darum gehen, möglichst präzise die Wünsche der Arbeitgeber zu erforschen: Welches Lächeln ist erwünscht? Trägt man in Bewerbungsgesprächen besser weiße Blusen oder rote? Wie gibt man Arbeitgebern die Hand? Ist ein leichter Knicks zeitgemäß? Und: Soll ich meine Zähne bleichen lassen vor dem Bewerbungsgespräch?

Schon jetzt kommen Arbeitgeber an die Uni und lassen sich präventivLebensläufe und Bewerbungsschreiben zeigen. Ehemalige Personalmanager verdienen ihr Geld damit, dass sie als Ghostwriter anderen eine perfekte Bewerbungsmappe erstellen.

Bevor der Studiengang „Bewerbungswissenschaften“ kommt, will ich schnell in diese Branche einsteigen. Meine Geschäftsidee heißt: die ehrliche Bewerbung.

Ich werde Studenten beraten, wie sie Lebenslauf und Motivationsschreiben gestalten – ohne ein einziges Mal zu lügen. Ich will am Beispiel von Max Mümmelmann zeigen, wie eine ehrliche Bewerbung aussehen könnte. Max bewirbt sich bei der Unternehmensberatung McKinsey.

Wenn ich auch dir beim Schreiben einer ehrlichen Bewerbung helfen soll, dann mail mir bitte an coach@uniloser.de. Die ersten fünf Bewerber berate ich kostenlos. Ab Januar werde ich zusätzlich ganztägige Coaching-Seminare an Universitäten und Berufsakademien anbieten. Und so könnte Max‘ Bewerbung aussehen:

An
McKinsey & Company, Inc.
Straße des Ewigen Lächelns 12
80333 München

Betreff: Bewerbung als Unexperienced Professional (m/w)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Desinteresse, aber dem Wissen um meine ausweglose Situation habe ich Ihre Stellenanzeige in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zur Kenntnis genommen. Die Möglichkeit, dass ich Sie schon bald im Rahmen von Design-to-Cost- und Design-to-Value-Projekten und bei der Konzeption innovativer Produktideen unterstütze, erschüttert mich zutiefst.

Ich verfüge weder über ein sicheres Auftreten, noch bin ich kontaktfreudig oder mobil. Die Vorstellung, bei McKinsey & Companyebenso selbständig wie auch als Teil eines jungen und motivierten Teams zu arbeiten, bereitet mir große Sorgen.

Wenn Sie fragen, ob ich Interesse habe, bei führenden Unternehmen die Entwicklung neuer Produkte im Spannungsfeld von technischen Möglichkeiten und wirtschaftlichem Erfolg mitzugestalten, dann antworte ich: Nichts könnte mich mehr langweilen als das.

Nur ist es so, dass ich Kredite abbezahlen muss, meine Freundin unbedingt mit mir auf die Seychellen will und mein Umfeld Dinge von mir verlangt, die ich kaum erfüllen kann. In Anbetracht dieser Lage beuge ich mich den Umständen und bitte Sie, mein Leben bei guter Bezahlung in Zukunft damit verbringen zu dürfen, Unternehmen zu zerlegen, Kosten zu minimieren und zwischendurch mit meinen Kollegen in der Kantine über die Seychellen zu reden. Im Anhang sende ich Ihnen einen tabellarischen Lebenslauf.

Mit freundlichen Grüßen,

Max Mümmelmann

 

Lebenslauf – Max Mümmelmann

1.) Allgemeines

  • 2005 Versuchter Ladendiebstahl (Nudeln und Kaugummis)
  • 2005 – 2006 Große Langweile
  • 2007 Pflanzen eines Baums
  • 2008 – 2009 Erneut große Langeweile
  • 2010 Teilnahme am Bundesliga-Gewinnspiel des „Kicker“
  • 2011 Versuchter Urlaub auf den Seychellen
  • 2012 – 2013 Der Baum geht kaputt

2.) Schwächen / Unfähigkeiten

  • Ich bin oft müde
  • Ich bin manchmal sehr still
  • Ich stehe Menschen skeptisch gegenüber
  • Oft verliere ich meine Zahnbürste
  • Ich verpasse meistens den Bus
  • Ich reise nur sehr ungern

3.) Probleme / Sorgen

  • Schulden
  • Schmerzen im Knie
  • Der Aufzug ist kaputt
  • Das Fahrrad ist kaputt
  • Man hänselt mich, weil ich Mümmelmann heiße

Zitat

Die Porno-Underground-Plattform „handelsblatt.de“ empfiehlt, ein eigenes Leben zu führen – aus Karrieregründen:

Der eigene Lebensplan ist zielführend im Aufstieg der Karriereleiter, der klassische Werdegang ohne Ecken und Kanten ist das schon lange nicht mehr.

Die renommierte Porno-Underground-Plattform zitiert unter anderem Karriereberater Felix Dachsel.

„Ich mag ja Ihre Fragen, Frau Slomka“

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(mit Morten Freidel)

Sigmar Gabriel und Marietta Slomka sind am Donnerstag bei einer Live-Schalte im „heute journal“ aneinander geraten. Die ZDF-Moderatorin hatte versucht, mit dem SPD-Vorsitzenden über angebliche verfassungsrechtliche Mängel des Mitgliederentscheids in der SPD zu sprechen. Das misslang gründlich: Man fiel sich ins Wort, machte sich Vorwürfe und war beleidigt. Wie hätten wohl andere Spitzenpolitiker ein Mitgliedervotum in ihrer Partei verteidigt?

Angela Merkel, CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin

„Die Frage des Mitgliedervotums ist eine Frage, bei der ich der Ansicht bin, dass eine Gesetzesgrundlage im Rahmen der Gesetze möglich ist, und dann sage ich, wenn die Möglichkeit geschaffen ist und das Mittel eines Mitgliedervotums auch der Partei, der Mitbestimmung in der Partei, dienlich ist, dann wiegt das schwerer als etwaige Einwände verfassungsrechtlicher Art, die ich aber im Zusammenhang mit dem Mitgliedervotum nicht sehe, die ich ernst nehme, die aber nicht bestehen. Ich als Vorsitzende dieser Partei sehe dann auch die mögliche Belebung hin zu einer Art der Mitbestimmung, die ja ganz neuartig ist, die ja auch gefordert wird, die Mitbestimmung der Parteimitglieder, die ich als Vorsitzende im Sinne der Partei und im Sinne der Mitbestimmung begrüße. Insofern sehe ich da keine Einwände und bin da jetzt einfach gespannt auf das Ergebnis.“

 Gerhard Schröder, früherer Bundeskanzler (SPD)

„Also ich bitte Sie, Frau Slomka. Da müssen Sie die Kirche auch mal im Dorf lassen. Im Wesentlichen treffe ich hier noch immer die Entscheidungen – und daran ist verfassungsrechtlich nun wirklich überhaupt nichts aussetzen. Ich verstehe ja, dass Sie als Journalistin jetzt besonders kritisch auftreten müssen, aber bei aller Liebe, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich mich als ehemaliger Bundeskanzler überhaupt mit einer solchen Frage auseinandersetze. Meine Partei hat mir eindeutig und vollumfänglich das Vertrauen ausgesprochen, und damit Basta. Wenn Sie das anzweifeln wollen, dann können Sie das in ihrem Journal ja gerne tun. Aber so wie Sie, Frau Slomka, hab auch ich als ehemaliger Bundeskanzler bestimmte Aufgaben zu erledigen.“

Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag

„Na wissen ’se, Frau Slomka, ich begrüße das ja, dass sich das ZDF jetzt um die Verfassung kümmert, und dann können ’se sich sicher sein, dass wir das auch tun als Partei und ich im Besonderen. Nur erlauben Sie mir eine Anmerkung: Ähnlichen Eifer, die Verfassung zu schützen, würde ich mir manchmal bei dem ein oder anderen auch wünschen, wenn in Brüsseler Hinterzimmerrunden wieder Milliarden zur Bankenrettung verpulvert werden, einfach mal so nebenbei, oder bei Hartz-IV-Sätzen, die gegen den wichtigsten Teil unserer Verfassung verstoßen, nämlich gegen Artikel 1 des Grundgesetzes, die Würde des Menschen. Nehmen Sie mir das nicht übel, ich mag ja Ihre Fragen, Frau Slomka. Und was das Mitgliedervotum angeht, da muss die Frage doch anders lauten. Nicht, warum meine Partei das jetzt macht. Sondern, warum die anderen Parteien es nicht machen. Da steht meine Partei alleine da. Aber das kennen wir ja schon, nehmen Sie unsere Ablehnung von Kriegseinsätzen und Bankrettung. Aber wissen ’se was, Frau Slomka? Das macht uns gar nicht aus, dass wir in manchen Fragen Vorreiter sind. Das gefällt uns sogar.“

Guido Westerwelle, derzeit noch kommissarisch amtierender Außenminister (FDP)

„Ich finde, ähm, das sehr gut, was wir hier machen, auch mal die jungen Leute zu fragen, wie es weitergehen soll mit unserer Partei und wie es weitergehen soll mit unserem Land. Wir in der FDP bekennen uns ganz klar zum Fortschritt, und mit aller Deutlichkeit auch gegen angestaubte Verfassungstheorien. Wenn Sie mich fragen, wie wir diesen Mitgliederentscheid mit der Verfassung vereinbaren können, dann erlauben Sie mir, Frau Slomka, dass ich an die SPD, CDU und die Grünen auch mal die Rückfrage stelle, ob die drei Millionen Arbeitslose in diesem Land noch verfassungskonform sind? Ich bin auch ganz klar dagegen, dass hier junge, motivierte und größtenteils ganz erfolgreiche Leute schuften müssen, um anderen die Hängematte zu finanzieren. Das sind doch untragbare Zustände. Wir sind hier immer noch in Deutschland, Frau Slomka, und da ist es nur korrekt, dass wir endlich anfangen, die richtigen Fragen zu stellen.“

„Die Uni hat mir beigebracht, Menschen zu demotivieren“

Dachsel / Uni-Loser

Ich habe mich immer dagegen gewehrt, Vorbilder zu haben. Aber wenn ich ein Vorbild habe, dann ist das mein Freund Nico. Nico Semsrott ist der erfolgreichste Loser, den ich kenne. Nach dem Abitur erklagte er sich einen Studienplatz an der Uni Hamburg: Soziologie und Geschichte auf Bachelor. Nach sechs Wochen entschied er sich dann, sein Studium zu schmeißen. Inzwischen ist Nico gefragter Kabarettist, renommierter Demotivationstrainer, CEO eines weltweiten Unglückskeks-Imperiums und ein leuchtendes Beispiel dafür, dass es in manchen Situationen nur eine Lösung gibt: aufhören, abbrechen, weitersuchen.

Bei meinem dritten Studienversuch ist Nico so etwas wie mein Abbruchberater. Nach sechs Wochen an der Uni Leipzig habe ich mich mit ihm per E-Mail über das Leben und die Unumgänglichkeit der Langweile unterhalten.

Nico, du hast ja nur sechs Wochen studiert. Trotzdem: Gab es irgendeinen schönen Moment an der Uni?

Ich kann mich nicht an schöne Momente erinnern. Da müsste ich raten: vielleicht der Moment, in dem ich in den Bus nach Hause einstieg.

Nichts gelernt?

Doch. Methodisch habe ich immerhin meine Kenntnisse als Demotivationstrainer ausgebaut. Ich hatte zahlreiche Vorbilder, von denen ich lernen konnte. Der Soziologie-Professor begrüßte uns mit den Worten, wir würden uns in den nächsten Jahren gemeinsam auf die Arbeitslosigkeit vorbereiten. In der allgemeinen Erstsemestereröffnung im Audimax wurde „Always look on the bright side“ gespielt. Ich empfand das als zynisch: „Life’s a piece of shit, when you look at it.“ Was bewegt dich eigentlich eher zum Aufgeben: Langeweile oder Autoritäten?

Man ist doch an der Uni, als einfacher Student, viel weniger von Autoritäten abhängig als im Berufsleben. In dieser Hinsicht ist die Uni ein guter Schutzraum. Und das mit der Langeweile ist vielschichtig. Es gibt wahrscheinlich kein Studium ohne Langeweile. Gibt es denn überhaupt ein Leben ohne Langeweile?

Vermutlich nicht. Aber es gibt da einen Unterschied. Im Beruf und Studium bin ich der Langeweile und Sinnlosigkeit hilflos ausgeliefert. Das ist schrecklich. Im Privaten kann ich immerhin noch fliehen und einfach weggehen, wenn es zu langweilig wird. Für mich ist also die Kombination aus Autorität und Langeweile am schlimmsten: die von außen aufgenötigte Langeweile. Aber wenn weder Autoritäten noch Langeweile für dich schlimm waren, was war für dich bisher das Motiv zum Abbrechen?

Ungeduld. Das – irgendwo anders – lauernde Leben. Die Unfähigkeit, Ablenkungen widerstehen zu können – und das in Zeiten der Multioption. Es ist wie im kleinen: Wenn ich eine Hausarbeit schreibe, dann bin ich konfrontiert mit dem gesamten Instrumentarium der Ablenkung – SPIEGEL ONLINE, E-Mails checken, Freunde anrufen, aus dem Fenster gucken, Feiern gehen. Im Großen bedeutet das: Wenn ich studiere, dann bin ich zum Beispiel abgelenkt von der Möglichkeit zu reisen, unterwegs zu sein. Die Welt ist ja recht groß, und fast alles ist sehenswert. Meine Erfahrung ist übrigens, dass Langweile gut sein kann. Als Ausgangspunkt für kreatives Schaffen, für neue Gedanken. Langeweile ist sogar wichtig. Sie ist wie eine weiße Leinwand. Bist du eigentlich glücklich?

Das letzte Mal glücklich war ich wohl Anfang der neunziger Jahre. Da war ich drei. Natürlich ist das nur eine Vermutung, denn ich kann mich nicht daran erinnern. Kurz danach habe ich angefangen, die Welt bewusst wahrzunehmen, und seitdem kann ich mich nicht an einen glücklichen Moment erinnern. Es gibt in Deutschland nur vier Millionen Depressive. Mein Ziel ist es, diese Zahl zu verdoppeln. Momentan bin ich übrigens als Demotivationstrainer mit meinem als Kabarettprogramm getarnten Workshop „Freude ist nur ein Mangel an Information“ unterwegs. Im November. Im Ruhrgebiet. Die Frage nach dem Glück stellt sich also gar nicht.

Raus aus dem Panzer

Ich bin jetzt 26, beginne gerade meinen dritten Versuch an einer deutschen Hochschule. Vor einigen Tagen gratulierte man mir zum Abitur.

Die Gratulantin hieß Dorothea Rüland. Sie ist die Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdiensts. Sie hielt eine Rede bei der Immatrikulationsfeier der Leipziger Universität, im Publikum saßen Erstsemester: manche so alt wie Justin Bieber, manche so alt wie ich.

„Sie haben eine große Hürde genommen, Sie haben das Abitur bestanden“, sagte Frau Rüland. Sie stand hinter einem Pult, breitete die Arme aus und lächelte wie Margot Käßmann. Dann spielte das Orchester Bach und Schumann. Die Rektorin hielt eine Rede, sie trug eine goldene Kette um den Hals. Der Oberbürgermeister hielt eine Rede, er trug eine goldene Kette um den Hals. Drei Studentenvertreter hielten eine Rede, sie trugen keine goldene Kette um den Hals.

Ich habe manchmal einen Traum: Wegen eines Fehlers in der Verwaltung muss ich mein mündliches Abitur in Mathe nachholen. Ich stehe vor der Prüfungskommission und weiß nichts. Die Kreide zergeht in meinen Fingern.

Deutscher Meister im Geradegenugtunaberniemalszuviel

Bis heute habe ich das sonderbare Gefühl, dass man mir die Hochschulreife nur vorläufig verliehen hat und jederzeit entziehen kann. Ich warte auf den Brief meines Gymnasiums, der mich zur Nachprüfung einlädt.

Die Rede der Generalsekretärin, ihre Gratulation zum Abitur, katapultierte mich in jene Zeit zurück. Ich saß in meinen Gedanken wieder in einer schwäbischen Kleinstadt. Hölderlin-Gymnasium: die Stühle, die Tafel, der Pausengong. In meiner Schulzeit wurde ich 13-mal Deutscher Meister im Geradegenugtunaberniemalszuviel.

Ich erinnerte mich an die ewige Schleife von Gesprächen, als sei ein Sprung in der Platte gewesen: Meine Eltern mit mir, meine Lehrer mit meinen Eltern, meine Eltern mit meinen Lehrern, meine Lehrer mit meinen Eltern und mir. Und immer dieser Satz: Ich werde mich bessern, ja.

„Vielleicht solltest du in ein Internat“

Ich erinnerte mich an die wiederkehrenden Versuche meiner Französischlehrerin, mit mir ein Hausaufgabenheft anzulegen: Mit welcher Geduld sie mich zu retten versuchte. Falls Sie das lesen, Frau S. – darf ich Sie zum Rotwein einladen? Ich saß in meinen Gedanken auch wieder der Mathelehrerin gegenüber. Sie beugte sich kopfschüttelnd über meinen Fall wie eine Chirurgin. „Vielleicht solltest du in ein Internat“, sagte sie. „Da lernt man Disziplin.“

Ich bin inzwischen stolz darauf, keine Disziplin zu haben. Ich will nicht kokettieren, aber es ist eine Frage der Fairness. Ein Marathonläufer ist stolz auf seinen Marathon, völlig verständlich, soll er. Genauso kann ich stolz darauf sein, dass ich beim ersten Training für einen Marathon nach zehn Minuten abbrechen würde. Man kann mit mir keinen Krieg führen, das ist der Vorteil. Beim ersten Schritt gebe ich das Marschieren auf, ich parke den Panzer und lege mich ins Lazarett.

Aber ich arbeite an mir. Ich tue jetzt Dinge, die mir schwer fallen. In den vergangenen Tagen habe ich an meinem Institut so viele Erwachsenenfragen gestellt wie selten. Erwachsenenfragen – das sind die harten Fragen, die unangenehmen. Fragen wie diese: „Habe ich das jetzt richtig verstanden – wir können das Vertiefungsmodul Lyrik erst besuchen, wenn wir das Grundlagenmodul gemacht haben, ja?“

Diese Fragen sind so wichtig wie Abspülen oder Müll runterbringen. Ich habe gelernt, dass ich in einem Jahr 60 Punkte brauche, das sind zwölf Veranstaltungen. Ich schrieb mir eine große 60 auf die Innenseite meiner linken Hand. Aber ein paar Tage später, wir sprachen im Seminar über Platon, hatte ich dann wieder ein Scheißgefühl. Ich hatte den Text weder kopiert noch gelesen. Vor mir lag ein Stift und ein leeres Blatt Papier.

Frau Rüland, die uns zum Abitur gratulierte, erinnerte mich übrigens nicht nur an meine Schulzeit. Sie erinnerte mich auch an Herrn Rüland und an meinen zweiten Versuch an einer deutschen Hochschule. Jürgen Rüland ist Professor für Internationale Politik in Freiburg. Ich schulde ihm seit drei Jahren eine Hausarbeit.

Falls Sie das lesen, Herr Rüland – geben Sie die Hoffnung nicht auf.