Raus aus dem Panzer

Ich bin jetzt 26, beginne gerade meinen dritten Versuch an einer deutschen Hochschule. Vor einigen Tagen gratulierte man mir zum Abitur.

Die Gratulantin hieß Dorothea Rüland. Sie ist die Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdiensts. Sie hielt eine Rede bei der Immatrikulationsfeier der Leipziger Universität, im Publikum saßen Erstsemester: manche so alt wie Justin Bieber, manche so alt wie ich.

„Sie haben eine große Hürde genommen, Sie haben das Abitur bestanden“, sagte Frau Rüland. Sie stand hinter einem Pult, breitete die Arme aus und lächelte wie Margot Käßmann. Dann spielte das Orchester Bach und Schumann. Die Rektorin hielt eine Rede, sie trug eine goldene Kette um den Hals. Der Oberbürgermeister hielt eine Rede, er trug eine goldene Kette um den Hals. Drei Studentenvertreter hielten eine Rede, sie trugen keine goldene Kette um den Hals.

Ich habe manchmal einen Traum: Wegen eines Fehlers in der Verwaltung muss ich mein mündliches Abitur in Mathe nachholen. Ich stehe vor der Prüfungskommission und weiß nichts. Die Kreide zergeht in meinen Fingern.

Deutscher Meister im Geradegenugtunaberniemalszuviel

Bis heute habe ich das sonderbare Gefühl, dass man mir die Hochschulreife nur vorläufig verliehen hat und jederzeit entziehen kann. Ich warte auf den Brief meines Gymnasiums, der mich zur Nachprüfung einlädt.

Die Rede der Generalsekretärin, ihre Gratulation zum Abitur, katapultierte mich in jene Zeit zurück. Ich saß in meinen Gedanken wieder in einer schwäbischen Kleinstadt. Hölderlin-Gymnasium: die Stühle, die Tafel, der Pausengong. In meiner Schulzeit wurde ich 13-mal Deutscher Meister im Geradegenugtunaberniemalszuviel.

Ich erinnerte mich an die ewige Schleife von Gesprächen, als sei ein Sprung in der Platte gewesen: Meine Eltern mit mir, meine Lehrer mit meinen Eltern, meine Eltern mit meinen Lehrern, meine Lehrer mit meinen Eltern und mir. Und immer dieser Satz: Ich werde mich bessern, ja.

„Vielleicht solltest du in ein Internat“

Ich erinnerte mich an die wiederkehrenden Versuche meiner Französischlehrerin, mit mir ein Hausaufgabenheft anzulegen: Mit welcher Geduld sie mich zu retten versuchte. Falls Sie das lesen, Frau S. – darf ich Sie zum Rotwein einladen? Ich saß in meinen Gedanken auch wieder der Mathelehrerin gegenüber. Sie beugte sich kopfschüttelnd über meinen Fall wie eine Chirurgin. „Vielleicht solltest du in ein Internat“, sagte sie. „Da lernt man Disziplin.“

Ich bin inzwischen stolz darauf, keine Disziplin zu haben. Ich will nicht kokettieren, aber es ist eine Frage der Fairness. Ein Marathonläufer ist stolz auf seinen Marathon, völlig verständlich, soll er. Genauso kann ich stolz darauf sein, dass ich beim ersten Training für einen Marathon nach zehn Minuten abbrechen würde. Man kann mit mir keinen Krieg führen, das ist der Vorteil. Beim ersten Schritt gebe ich das Marschieren auf, ich parke den Panzer und lege mich ins Lazarett.

Aber ich arbeite an mir. Ich tue jetzt Dinge, die mir schwer fallen. In den vergangenen Tagen habe ich an meinem Institut so viele Erwachsenenfragen gestellt wie selten. Erwachsenenfragen – das sind die harten Fragen, die unangenehmen. Fragen wie diese: „Habe ich das jetzt richtig verstanden – wir können das Vertiefungsmodul Lyrik erst besuchen, wenn wir das Grundlagenmodul gemacht haben, ja?“

Diese Fragen sind so wichtig wie Abspülen oder Müll runterbringen. Ich habe gelernt, dass ich in einem Jahr 60 Punkte brauche, das sind zwölf Veranstaltungen. Ich schrieb mir eine große 60 auf die Innenseite meiner linken Hand. Aber ein paar Tage später, wir sprachen im Seminar über Platon, hatte ich dann wieder ein Scheißgefühl. Ich hatte den Text weder kopiert noch gelesen. Vor mir lag ein Stift und ein leeres Blatt Papier.

Frau Rüland, die uns zum Abitur gratulierte, erinnerte mich übrigens nicht nur an meine Schulzeit. Sie erinnerte mich auch an Herrn Rüland und an meinen zweiten Versuch an einer deutschen Hochschule. Jürgen Rüland ist Professor für Internationale Politik in Freiburg. Ich schulde ihm seit drei Jahren eine Hausarbeit.

Falls Sie das lesen, Herr Rüland – geben Sie die Hoffnung nicht auf.

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