Leistungsverweigerer, vereinigt euch!

DACHSEL / UNILOSER

An diesem Montag geht das Semester los: Die Universität ist mir täglich näher gekommen, ohne dass ich das Gefühl hatte, ihr ausweichen zu können. Mein dritter und letzter Versuch. Vor ein paar Nächten hatte ich einen Traum: Ich stand in einer Bibliothek und musste ein Buch ausleihen, Habermas. Ich ging über Emporen bis ich in einen Lesesaal kam.

An kleinen Tischen saßen Studentinnen, die ihre Köpfe über Bücher gebeugt hatten. Wie zum Kommando hoben sie ihre Köpfe. Sie hatten übergroße Volvic-Flaschen neben sich stehen. Auf den Etiketten las ich zwei Sätze: Für gesunde Menschen, für ein gesundes Leben. Ich rannte weiter, in den nächsten Saal.

Dort saßen Studenten an kleinen Tischen, sie gabelten Nudeln mit Ketchup aus kleinen Tellern, sie sahen mich herausfordernd an. „Ich suche Habermas“, sagte ich. „Erläuterungen zur Diskursethik.“ Doch sie antworteten nicht.

Ich flüchtete mich in eine Kammer, in der Männer in Roben saßen, sie hielten Holzhämmer in ihren Händen. „Zu befinden ist über den Antrag des Volkes, den Angeklagten von der Universität auszuschließen“, sagte einer der Richter. Während er seinen Holzhammer auf den Tisch sausen ließ, wachte ich auf.

Sobald ich am Rechner saß, ergriff mich die Trägheit

Beim Frühstück erinnerte ich mich an einen Tag im Winter 2009. Ich studierte damals Politik- und Islamwissenschaft, mein zweiter Versuch an einer deutschen Hochschule. Ich saß in der Uni-Bibliothek Freiburg und musste eine Hausarbeit abgeben. Doch statt zu schreiben, sah ich zu, wie sich hinter den Fenstern eine Regenwolke im Schwarzwald verfing. Im 15-Sekunden-Takt aktualisierte ich auf meinem Notebook SPIEGEL ONLINE. Doch die Nachrichten blieben dieselben. Sie bewegten sich nicht.

Die Welt stand still.

Ich ging vor die Tür und rauchte, ich holte mir Kaffee. Doch sobald ich mich wieder gesetzt und das Notebook aufgeklappt hatte, sobald der Cursor wieder blinkte, ergriff mich wieder die Trägheit. Ich saß dort fünf Stunden, vielleicht sechs, ohne ein Wort, ohne nur einen Buchstaben zu tippen. Ich nahm mein Handy und vereinbarte einen Termin beim Uni-Psychologen. Zwei Wochen später hatte ich die Hausarbeit fertig.

Neuerdings brauche ich keinen Uni-Psychologen mehr, es gibt ja die Leser von SPIEGEL ONLINE, und es gibt die Nutzer von Twitter. Sie haben starke Meinungen. Sie kommentieren von morgens bis abends, auch unter meiner letzten Kolumne haben sie das intensiv getan. Dafür will ich danken. Ich lese diese Kommentare. Zum einen, weil es eine weitere Beschäftigung ist, die mir dabei hilft, Dinge nicht zu tun, die ich eigentlich tun sollte. Zum anderen, weil diese Beratung kostenlos ist.

Leser „barney 9“ empfiehlt zum Beispiel: „Lerne einen ordentlichen Handwerksberuf oder werde Kaufmann, dann bist du auch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft und leistest deinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt.“ Ich habe diese Möglichkeit erwogen. Aber es gibt Einwände, zum Beispiel die des Lesers „al2510“, der schreibt: „An der Uni ist er harmlos, im Krankenhaus und an der Werkbank wird er für sich selber und für die Anderen zum Risiko.“

Lasst uns eine Partei der Leistungsverweigerer gründen

Leser „outwiper“ hingegen empfiehlt mir die Werkbank. Er kommentiert: „Gehen Sie lieber wieder arbeiten und blockieren sie nicht einen Platz.“ Der Leser „deutscher_demokrat“ erkennt ein systemisches Problem: „Was ich weiß, dass es tatsächlich Hunderttausende solcher Dachsels gibt und die Gesellschaft für deren Lebensweg tatsächlich mit verantwortlich ist, weil sie es duldet.“

Diesem Leser will ich danken: Ich weiß jetzt, dass ich nicht allein bin. Und die Hunderttausende solcher Dachsels rufe ich auf, sich bei mir zu melden. Wir sollten eine Partei der engagierten Leistungsverweigerer gründen. Die FDP ist am Boden, das ist jetzt unsere Epoche.

Ich war inzwischen mal an der Leipziger Uni. Eine Freundin zeigte mir die Bibliothek. Wir gingen durch eine Drehtüre, schritten unter einer majestätischen Kuppel in das Gebäude. Ich sah Wandgemälde, Skulpturen, hohe Türen. Links saßen einige Studenten und tranken Kaffee, sie sahen entspannt aus.

Alles war hell und freundlich. „Alles gut?“, fragte meine Begleiterin, und ich nickte: Alles gut.

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