Ein guter Tag für einen Krieg

Das ist ein guter Tag für einen Krieg. Kaum Wolken, kaum Wind, der Boden ist fest und trocken. Die Sicht auf den Feind ist frei, und die Kanonen lassen sich gut über das Schlachtfeld ziehen. Also ist das ein guter Tag für Franck Samson, auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite muss es frustrierend sein, in eine Schlacht zu ziehen – mit dem festen Wissen, sie zu verlieren. Samson, ein aufrechter Mann mit Kugelbauch, streckt seinen Zeigefinger in den blauen Himmel, es ist Sonntag, kurz vor zehn. „Parfait“, sagt der Franzose. Perfekt.

Im normalen Leben ist Samson Anwalt in Paris. Doch einmal im Jahr vergisst er das normale Leben. Dann fährt er über die Grenze nach Deutschland, um Krieg zu spielen. Dann steigt er in kniehohe Reiterstiefel, schlüpft in eine grüne Weste mit goldenen Knöpfen und Schulterklappen und setzt sich einen Zweispitz auf den Kopf. Dann wird aus Franck Samson der berühmte Napoleon Bonaparte, kleiner Franzose und großer Feldherr.

An diesem Sonntag ist so ein Tag. Es ist der Gedenktag der Völkerschlacht bei Leipzig, bei der vor 200 Jahren 600.000 Soldaten kämpften, 100.000 von ihnen starben. Für die einen ein Anlass für stilles Gedenken, für Gottesdienste und Schweigeminuten. Für die anderen eine schöne Gelegenheit, mal Krieg zu spielen. Für Leute wie Samson.

Historisches Schlachtfeld und Volksfest

Samson nimmt an einem Schauspiel teil, das man „historische Gefechtsdarstellung“ nennt. Oder, mit den Worten des Veranstalters gesprochen: „Ein Ereignis von bisher unerreichter Dimension in der europäischen Reenactment-Szene“. Reenactment, so heißt das Nachstellen von historischen Ereignissen.

6000 Männer und Frauen aus 24 Ländern spielen in historischen Uniformen die Völkerschlacht nach, Napoleons größte Niederlage. Mit Pferden, Kanonen, Artillerie, Kavallerie und Infanterie, Bauzäunen, Zuschauertribünen und Dixie-Klos. Es gibt Bier und Bratwurst, ein Platz auf der Tribüne kostet 40 Euro. Historisches Schlachtfeld und Volksfest – der MDR überträgt live.

Die Gefechtsdarstellung soll die Schrecken des Krieges zeigen, heißt es von den Veranstaltern. Ein Kriegsspiel als Anti-Kriegsspiel also. Und man fragt sich, wie viel Schießpulver man atmen muss, um an diese Logik zu glauben. Tatsächlich ist es eher so: Hier zelebrieren Erwachsene die alte Art des Krieges. Das Körperliche daran. Mann gegen Mann, Kanone gegen Pferd.

„Vive l’Empereur!“

Der Kaiser steht in einem Feldlager, umringt von Uniformierten. Es riecht nach Schweiß und verbranntem Laub. Napoleon schreitet eine Reihe von Soldaten ab, sie präsentieren ihre Gewehre, es ist jetzt kurz vor elf. Samson macht das filmreif, wie Bruno Ganz in „Der Untergang“, nur etwas fröhlicher: Den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Hände hinter dem Rücken zusammengeführt. „Vive l’Empereur!“, schreien die Soldaten. Es lebe der Kaiser. Samson zwickt einem Soldaten ins Ohr und lacht. Er ist ein gutgelaunter Herrscher, man ist ja schließlich zum Vergnügen hier.

Noch zwei Stunden bis zur Schlacht. Drei Kilometer weiter warten die Gegner, die Alliierten: Russland, Preußen, Schweden und Österreich. Drei Kilometer weiter warten Security-Männer an Bauzäunen, Fotografen, Journalisten.

Napoleons Soldaten sehen müde aus, sie haben die Nacht in Biwaks verbracht mit Lagerfeuer und warmem Tee. Samson rollte am Morgen in einem schwarzen BMW an. Er hat in einem Hotel übernachtet, mit Trockensauna, Whirlpool und Solarium. Er kam zu spät, aber das kann er sich leisten. Seit zehn Jahren ist er Napoleon, er ist ein Star der historischen Gefechtsdarstellung. Deswegen spricht er auch nur Französisch, alles andere ist die Sprache des Feindes. Auch 2013 hat man da noch Verständnis.

Heute wird Samson von einem Kamerateam vom französischen Fernsehen begleitet, sie haben ihn in seiner Wohnung in Paris besucht und sind mit ihm nach Deutschland gekommen für diesen Tag. „Wie fühlen Sie sich?“, fragt der französische Reporter. Was man eben so fragt vor einer Schlacht.

Angst vorm Schwarzen Block

Im Camp der Franzosen kursiert kurz vor Kriegsbeginn ein Gerücht. Echte Bedrohung scheint im Anmarsch, angeblich formieren sich in Leipzig linke Demonstranten, um die Veranstaltung zu stören. Schwarzer Block gegen Napoleons Artillerie, das wäre mal sehenswert. Aber es bleibt ein Gerücht.

Samson schiebt sich als Napoleon durch das Feldlager, begleitet von Wachen und der Kaisergarde. Die Soldaten salutieren, wenn der Kaiser kommt. Befehl und Gehorsam, hier funktioniert das noch. Alles hört auf Franck Samson, den Anwalt aus Paris.

Dann ist Krieg. Um kurz vor zwölf marschiert Samson-Napoleon unter Trommelwirbeln in einem Zug französischer Soldaten durch Markkleeberg, den Ort des Spektakels, eine Kleinstadt südlich von Leipzig. Autos parken dicht gedrängt am Straßenrand. Es riecht nach gedünsteten Zwiebeln und Kartoffelpüree, nicht nach Blut und Blech. Doch Napoleon marschiert weiter, Richtung Schlacht, Richtung Niederlage.

Es sieht nach 1813 aus, bis ins letzte Detail. Wären da nicht diese Zuschauer: Sachsen in Funktionsjacken, mit Digitalkameras und belegten Brötchen in den Händen. Sie wollen Napoleon sehen – und wenn Napoleon dann vor ihnen steht, dann verzieht er sein Gesicht. Die Funktionsjacken machen ihm die Illusion kaputt, verdammte Anachronismen.

„Meine Truppen sind stark“, sagt Samson-Napoleon. An einer Kreuzung kommt eine Straßenbahn. Napoleon und seine Soldaten müssen warten. Die Straßenbahn hat Vorfahrt, 2013 vor 1813. Die Polizei regelt das.

Um eins stehen die französischen Truppen auf der Weinteichsenke, dem hügeligen Gelände, wo die historische Schlacht geschlagen wird. Reiter jagen über das Feld. Bataillone formieren sich. Napoleons Hose ist noch blütenweiß, das wird sich ändern. Dunkle Wolken ziehen auf.

Aus den Lautsprechern neben dem Feld schallt eine Frauenstimme, auf Englisch erklärt sie, was das hier soll. „Wie du sätt in se sens of pieß“, krächzt sie. Wir machen das hier im Sinne des Friedens – das soll wohl die kritischen Stimmen beschwichtigen, die den Veranstaltern „Kriegstreiberei“ vorwerfen.

Um kurz vor zwei beginnt die Schlacht. Dann ist es geschafft: Um halb fünf hat Napoleon den Krieg verloren. Franck Samson, das ist jetzt wieder einer von sehr vielen Anwälten in Paris.

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