Ich bin ein Uniloser

Das hier ist für die Frauen, die fast mein Leben zerstört haben: Frau E. und die Volvic-Mädchen. Jene Studentinnen, die in den Uni-Bibliotheken dieses Landes sitzen, stundenlang, tagelang.

Nette Tücher sind um ihren Hals gebunden. Sie haben sich Essen in Tupperdosen mitgebracht. Sie trinken schlückchenweise aus Volvic-Flaschen und räuspern sich so vorsichtig, als drohten die Bücherregale sonst zu kippen wie Dominosteine. Sie studieren Jura oder Medizin oder Wasweißichwas auf Bachelormastermagisterdiplom, und zwischendurch gehen sie joggen.

Sie haben ihr Leben im Griff. Und ich bin ein Uni-Loser.

Ich will erklären, wie das schiefging mit mir und der Uni. Und warum ich es trotzdem nochmal versuche. Der erste Versuch scheiterte 2007 in München. Neuere Deutsche Literatur, Psychologie und Spanisch auf Magister – womit schon viel gesagt wäre über meine Ambitionen damals.

Ich wollte halt was studieren. Weil meine Brüder studierten und meine Eltern studiert haben und meine Großeltern und meine Urgroßeltern. Ich begann meine Uni-Karriere mit derselben Einfallslosigkeit, mit der sich der Sohn des Landwirts entscheidet, Bauer zu werden.

Der natürliche Feind des Studenten: das Prüfungsamt

Der erste Versuch dauerte ein Semester. Ich bestand die Eingangsprüfung in Spanisch nicht, fragte nicht nach dem Ergebnis meiner einzigen Psychologieklausur und belegte exakt ein Seminar in Neuerer Deutscher Literatur, von dem mir nur in Erinnerung ist, dass ich in der Vorstellungsrunde einen Witz machte, über den niemand lachen konnte. Obwohl er, glaube ich, ganz gut war.

Woran ich mich erinnere ist, dass ich einen Großteil meiner Zeit damit verbrachte, Hörsäle zu suchen. Mit mäßigem Ehrgeiz, mehrmals brach ich die Suche ab und legte mich wieder ins Bett.

Der zweite Versuch dauerte zweieinhalb Jahre: Politik- und Islamwissenschaft auf Bachelor in Freiburg. Ich lernte dort Frau E. kennen, die sich bei jenen Frauen, die fast mein Leben zerstört haben, ganz vorne einreiht: Frau E. saß im Prüfungsamt, und wenn ich sie hier als Teufel bezeichne, laufe ich Gefahr, dass sich der Teufel bei mir beschwert, dass ich ihn mit Frau E. vergleiche. Wenn ich irgendein Problem hatte, das im weitesten Sinne mit der Frage zusammenhing, wie ich diesen Bachelor zu studieren hatte, welche Prüfung vor welcher abzulegen ist, wie weit man ein Seminar schieben darf und wie man ein Urlaubssemester beantragt, dann kam ich nicht umhin, Frau E. zu konsultieren.

Der Anblick der Volvic-Mädchen macht mich fertig

Sie saß in einem Büro, das groß war wie ein Amtsraum in Geschichten von Franz Kafka, absurd groß. Es roch nach kaltem Rauch. Frau E. machte ein Gesicht, als ob sie bei meinem Anblick drüber nachdachte, über ihren Schreibtisch zu flattern wie ein Vampir, um mir die Halsschlagader aufzubeißen. An schlechten Tagen schrie Frau E., an guten Tagen raunzte sie. Frau E. wiederholte immer nur einen Satz: „Ja, haben Sie denn die Prü-fungs-ord-nung nicht gelesen?“

Wobei ich zugeben muss, dass ich mich oft dumm anstellte. Ich gab Hausarbeiten nicht ab, wodurch sich bei meinen Freunden die Vokabel etablierte, etwas zu „dachseln“ – in Anlehnung an meinen Nachnamen. „Dachseln“, das bedeutet so viel wie: nicht bestehen, aufschieben, durchfallen, verdrängen. Einmal vergaß ich, ein Buch zurückzugeben. Ich bekam eine erste Mahnung der Uni-Bibliothek, eine zweite, eine dritte. Und als ich vergessen hatte, auf die vierte zu reagieren, klingelte ein Gerichtsvollzieher an meiner Tür. Es ging um 39,90 Euro.

Ich brach auch mein zweites Studium ab, ging auf die Journalistenschule, begann zu arbeiten. Die Uni und ich haben sich nichts zu sagen. Das lag an den Frauen mit den Volvic-Flaschen. Ihr Anblick bereitete mir ein schlechtes Gewissen – so sehr, dass ich mich zurückzog, die Mensa mied und die Uni-Bibliothek. Aber vor allem lag es an mir.

Bis zu diesem Frühjahr. Da packte mich irgendwas, von dem ich befürchte, dass es Ehrgeiz ist. Ich werde ab diesem Wintersemester „Literarisches Schreiben“ an der Universität Leipzig studieren. Der dritte Versuch – der letzte. Meine Freunde schließen Wetten ab, ob ich das durchhalte.

Die Quoten stehen gegen mich.

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Ein Gedanke zu „Ich bin ein Uniloser

  1. Jan sagt:

    Einige meiner Kommilitonen versuchen sich bereits Semesterweise an den Aufnahmeprüfungen für Studiengänge bei denen du scheinbar mühelos akkreditiert wurdest. Was hindert dich denn am durchziehen? Volvic-Mädchen? Prüfungsämter? Das kann doch nicht dein Ernst sein?!

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