Generation Gezi hinter Gittern

Proteste in der TŸrkei

Volkan Özer weiß jetzt, wie es sich anfühlt, festgenommen zu werden: Die Handgelenke schmerzen. Er weiß jetzt, wie es ist, in einer Gefängniszelle zu übernachten: Irgendwann schläft man dann doch ein. Und er weiß, wie sehr er an Gerechtigkeit glauben kann: überhaupt nicht.

Özer, 30, ist Filmproduzent. Er dreht Werbespots für Red Bull und lebt in Cihangir, einem Istanbuler Viertel nahe der Einkaufsstraße Istiklal. Wenn man ihn fragt, welche politische Ansicht er hat, dann sagt er: überhaupt keine. Aber er macht sich mehr Gedanken über sein Land als je zuvor. „Es geht hier um Menschenrechte“, sagt er.

Die letzten Wochen haben ihn wütend gemacht, die Schikanen der Polizei, die Wasserwerfer, das Tränengas. Und nicht nur ihn: Die türkischen Proteste haben eine Generation zusammengebracht, die sich in Rekordzeit politisiert. Gebildet, mehrsprachig, vernetzt. Junge Menschen, die vor Gezi fast nie protestiert haben – und jetzt dauernd auf die Straße gehen. Junge Menschen wie Özer.

Am Samstag sitzt Özer im Schatten einer Markise, die Sonnenbrille in die Haare gesteckt; eine Kellnerin bringt Orangensaft, Honig und Käse. Er will erzählen, wie er da hineingeraten ist, in die Proteste, ins Gefängnis. Bei der Polizei lässt sich seine Geschichte kaum überprüfen. Am Telefon der Istanbuler Polizei-Pressestelle heißt es nur: Zum Fall von Volkan Özer werde man sich nicht äußern. Aber es gibt Fotos, Aussagen von Freunden und seiner Anwältin und Berichte von anderen Gefangenen.

Vorvergangenen Montag, es war der Tag, an dem der Gezipark erst feierlich eröffnet und Stunden danach wieder geschlossen wurde, kam Özer gerade von der Arbeit. Es war ein schöner Tag. Also entschied er sich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Auf der Istiklal marschierten hochgerüstete Polizisten, wie schon seit Wochen.

Özer blieb in einer Seitenstraße stehen, so erzählt er es, er wollte ein paar Aufnahmen machen von diesem Wahnsinn in seiner Stadt. Da eilte ein Polizist herbei. „Hast du einen Presseausweis?“, fragte er. „Ich bin nicht von der Presse“, sagt Özer. „Dann darfst du hier keine Fotos machen“, sagte der Polizist. Plötzlich flog eine Flasche und zerplatzte auf dem Asphalt. Menschen rannten, es wurde laut, der Polizist schrie ihn an.

„Das ist wegen dir!“

„Ich mache nur Fotos.“

„Nur Fotos? Du wirst auf Facebook und Twitter schreiben, dass wir mit Tränengas geschossen haben.“

„Habt ihr doch auch“, sagte Özer.

Ein Satz zu viel. Vier Polizisten krallten sich seine Arme und zerrten ihn über die Istiklal. „Wohin bringt ihr mich?“, fragte Özer. Sie antworteten nicht. Özer wusste, dass man bei Festnahmen seinen Namen schreien muss. Also schrie er: „Volkan Özer!“ Je lauter er wurde, desto stärker quetschten die Polizisten seine Hände, erinnert er sich. Passanten fotografierten die Festnahme, verschickten die Bilder über Twitter.

Auf der Polizeiwache musste sich Özer ausziehen, es war nach Mitternacht. Seine Kleidung wurde untersucht. Er musste Treppen hoch, Treppen runter, Formulare unterschreiben. Wie ein Labyrinth. Morgen bringen sie mich zum Gericht, dachte er.

Um zwei Uhr morgens lag er mit neun anderen Gefangenen in einer Zelle, so berichtet er es. Auch sie wurden an diesem Tag auf der Istiklal festgenommen. Die einen schliefen auf Bänken, die anderen auf Yoga-Matten. Manche von ihnen waren erfahren mit diesen Dingen. Dir wird nichts passieren, sagten sie. Die Hitze stand in der Zelle. „Was ist mit der Klimaanlage?“, fragte Özer. Kaputt, sagten die Aufseher.

Am nächsten Morgen, es war wohl neun Uhr, sie wussten es nicht, denn man hatte ihnen die Uhren abgenommen, schritt Özer durch die Zelle. Polizisten kamen und gingen. Özer musste auf die Toilette, doch die Aufseher ließen ihn nicht.

Die anderen Gefangenen traten in Hungerstreik. Und da Özer sowieso keinen Hunger hatte vor lauter Stress, schloss er sich ihnen an. Sie saßen herum, redeten, schliefen. Die Aufseher brachten Bohnen und Reis. Niemand aß. Morgen werden sie mich zum Gericht bringen, dachte Özer.

Die Polizei wollte Fingerabdrücke nehmen und Fotos machen. Einzelne Gefangenen widersetzten sich. Özer sah, wie Polizisten ihnen die Arme umdrehten. „Die verhalten sich nicht wie Menschen“, sagt er. „Eher wie Roboter.“

Sie brachten ihn nicht zum Gericht. Nicht am Montag. Nicht am Dienstag. Nicht am Mittwoch. In einer der Nächte, es war wohl zwei Uhr, wurden sie geweckt. Ihr könnt jetzt jemanden anrufen, sagten die Aufseher. „Um diese Uhrzeit?“, fragte Özer.

In der vorletzten Nacht erlebte Özer dann ein Wunder. Ein Polizist kam in ihre Zelle, er sprach leise und vorsichtig. „Ich bin einer von euch“, sagte er. „Habt keine Angst, am Donnerstag bringen wir euch zum Gericht.“

Tatsächlich stand Özer dann am Donnerstag vor einem Staatsanwalt, das erste Mal in seinem Leben, er war nervös. Seine Anwältin legte Fotos der Festnahme vor. Sie waren der Beweis, dass sich Volkan nicht widersetzt hatte. Der Beweis seiner Unschuld.
Özer ist wieder frei. Aber sein Vertrauen in den Staat hat er verloren. „Die türkische Justiz ist wie ein Unternehmen“, sagt er. „Der Boss befiehlt, die Angestellten führen aus.“

Mitarbeit: Arzu Geybulla (hier geht’s zu ihrem Blog)

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