Die besten Fans der Welt

Was ich über die Fans von Beşiktaş Istanbul wusste, war, dass sie lauter sein können als alle anderen Fans der Welt. Vor ein paar Jahren hatten sie im Inönü-Stadion den Lautstärkerekord aufgestellt: 132  Dezibel.

Was ich in den letzten zwei Wochen über diese Fans gelernt habe, ist, dass sie nicht nur laut sind. Nein: Sie sind die mutigsten Fans der Welt – und wahrscheinlich die besten.

Als ich in Istanbul lande, es ist Montag, sieht der Taksimplatz aus, als habe hier ein Bürgerkrieg getobt. Ausgebrannte Busse stehen quer, Fensterscheiben sind zerschlagen, Brandflecken auf dem Asphalt, zertretene Werbetafeln und manchmal: Pfeffergasgranaten, die wie Hülsen einer ausgehölten Frucht am Wegesrand liegen. Die Polizei hat sich zurückgezogen, sie wartet in Bussen am Bosporusufer, teetrinkend, rauchend. Der Taksimplatz ist von Demonstranten kontrolliert: Ich lerne, dass hier eine andere Macht herrscht, sie ist schwarz und weiß. Der Spielstand: Bullen 0, Beşiktaş 1.

Es gibt es ein Heer an Verletzten, sie sind überall, ein Gefühl von Nachkriegszeit:  Ich treffe Deniz, eine Pfeffergasgranate schlug in seinem rechten Unterarm ein. Ich treffe Arif, ihn traf ein Gummigeschoß an der linken Schulter, seine Haut ist jetzt braun, grün und blau.

Zwei Tage zuvor hatte die türkische Polizei 24 Stunden lang mit Wasserwerfern und Pfeffergasgranaten auf alles geschossen, was demonstriert, sich gewehrt, sich quergestellt hatte. Der Beginn der türkischen Protestbewegung.

Dienstag, ich gehe über den Taksimplatz, durch den besetzten Gezipark, am Eingang formieren sich Politgruppen, linke Splitterparteien, die Frauenbewegung, türkische Nationalisten, die Partei der Kurden. Im Herzen des Camps tanzen Schüler zu türkischer Folklore – sie haben keine Schule und stattdessen die Party ihres Lebens. Weiter hinten, der Park erstreckt sich über einen Abhang, im Schatten großer Bäume, sehe ich einen Banner, zwei auf fünf Meter, mit roter Farbe beschrieben: Çarşı. Hier zelten die Ultras von Beşiktaş Istanbul.

Ich lerne, dass Çarşı nicht mit Journalisten spricht, Çarşı verteilt Pressemitteilungen. Ich lerne, dass man stundenlang hüpfen kann, nur um zwei Worte zu schreien: BEYAZ! SIYAH! WEISS! SCHWARZ! Am Rand stehen ein paar Fans von Galatasaray und Fenerbahce. Sie dürfen mitfeiern: sie hüpfen auch, ein kleines bisschen. Sie sehen aus, als seien sie neidisch.

Ich spreche mit einem jungen Türken, er engagiert sich in der Oppositionspartei CHP: Wie geht das überhaupt, dass sich hier alle vertragen? Die Kurden hängen im Camp eine Fahne von Abdullah Öcalan auf, der von den Türken für über 30 000 Tote verantwortlich gemacht wird. Ein Freiheitskämpfer für die einen, ein Massenmörder für die anderen. Warum bleibt es so still? Dann sagt er: „If there are trouble, we call Çarşı.“ Die Ultras als Streitschlichter.

Ich sitze mit einem Mann im Camp, dessen Unterarm verletzt ist. Ich frage ihn, ob er Angst hat, dass Anhänger der Regierungspartei AKP das Camp überfallen. Nein, sagt er. „Wir haben eine große Macht dort unten, die auf uns aufpasst.“ Er zeigt Richtung Osten, Richtung Beşiktaş, vom Gezipark führen Steile Straßen hinunter zum Bosporus, auf halber Strecke steht das Inönü-Stadion. In den Straßen hat Çarşı das Sagen. Ich höre von einem Deal zwischen den Ultras und der Polizei: Wir bauen keine Straßenbarrikaden, dafür verpisst ihr euch aus unserem Viertel. Ich höre von Bussen, die von Istanbul nach Ankara fahren: Çarşı unterstützt die Regierungsgegner in der Hauptstadt, die Ultras schicken ein paar Truppen.

Es ist Samstag, als sich der Taksimplatz mit zehntausenden Demonstranten füllt, plötzlich Applaus: Aus einer Seitenstraße laufen die Fans von Fenerbahce ein, sie halten Schals und Fahnen in den Händen, es sind vielleicht 200.

Dann bekomme ich eine SMS: „Oh mein Gott, sie kommen von Harbiye, das sind 100 000!!“ Ich renne auf die andere Seite des Geziparks, ich warte mit zwei Freunden an einer Straßenkreuzung, wir fragen einen Köfteverkäufer: Wo sind die Fans von Besiktas? Wartet hier, sagt er. Bei einem Straßenhändler kaufen wir einen Schal, er wurde erst am Morgen produziert: Darauf die Wappen von Fenerbahce, Galatasaray und Beşiktaş. Normalerweise müsste dieser Schal explodieren, bei all dem Hass, den die Fans der drei großen Istanbuler Clubs füreinander empfinden. Normalerweise. Diese Tage sind anders. Die Revolte vereint.

Dann hören wir Trommeln, wir klettern auf eine Barrikade aus Straßenschilder und Geröll: wir sehen weiße Fahnen am Ende der Straße. Çarşı kommt.

Wir kämpfen uns durch die Massen, sind das 30 000? 40 000? Wir stehen auf einer bepflanzten Verkehrsinsel, eine Ultra ermahnt uns: „Wir treten nicht auf Blumen!“, sagt er. Wir lachen aber er meint das nicht ironisch: Çarşı passt jetzt auf Istanbul auf, sogar auf die Pflanzen.

Als es dunkel wird, steht ein gutes Dutzend Beşiktaş-Fans auf dem Dach des Atatürk-Kulturzentrums, einem bedeutenden Bauwerk am Taksimplatz. Unten haben sich Zehntausende versammelt. Auf Kommando zünden die Fans auf dem Dach Bengalos, gleisendes Lila, Gelb: Der Nachthimmel zerschmilzt. Von unten Blitzlichter, Applaus, Jubel. Hunderte halten ihre Smartphones in die Luft, um zu filmen.

Am Dienstag, in den Morgenstunden, kommt die Polizei zurück auf den Taksimplatz. Wasserwerfer rollen an, Räumfahrzeuge, hunderte Uniformierte marschieren ein: Sie reißen die Protestbanner vom Atatürk-Kulturzentrum. Auch die Fahne von Carsi. Die Polizisten schießen Tränengasgranaten in den Gezipark, sie nebeln ein provisorisches Lazarett ein. Sie werfen mit Steinen.

Abends kommen wieder Zehnttausende Demonstranten, sie wollen sich nicht vertreiben lassen, alles friedlich, keine Steine fliegen. Ganz vorne, direkt vor den Reihen der Polizei, trommeln die Beşiktaş-Ultras. Ich will mich zu ihnen durchkämpfen, ein Freund winkt mir. Die Ultras singen irgendetwas von „Hurensöhnen“, was eben Ultras so singen.

Dann knallt es plötzlich, die Polizei schießt in die Menge, ohne jede Vorwarnung, Pfeffergasgranaten kreiseln über den Asphalt, Panik, die Masse rennt, stolpert. Ich sehe Menschen, die sich übergeben. Meine Augen tränen, ich bekomme Atemnot. Wir fliehen durch den Gezipark, der Himmel ist dunkel vor lauter Gas. Ich sehe ein junges Mädchen, das weint.

Nach einer Viertelstunde schallen Sprechchöre durch den Gezipark: „Pfeffergas, olé! Pfeffergas, olé!“ Ich denke: Die Bullen haben zwar bessere Waffen aber auf jeden Fall den schlechteren Humor. Und ihre Fans sind scheiße.

 

 

 

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