#Zehnfragen an Julia Seeliger

julia_seeliger

„Journalismus ist kein Hobby“

Julia Seeliger, 34, war Redakteurin bei taz.de und bloggte für die FAZ. Jetzt ist sie freie Journalistin und Bloggerin und Twitterin. Sie hat einen sehr langen Wikipedia-Eintrag. (Foto: Fiona Krakenbürger)

1. In welchem Alter warst Du erstmals davon überzeugt, als Journalistin Dein Geld verdienen zu können und was gab Dir die Sicherheit?

2009. Da war ich 30 und hatte eine Festanstellung bei der taz.

2. Gibt es in Deutschland eher zu viele oder zu wenige Journalisten?

Aktuell zu viele. Es ist die Zeit des Tageszeitungssterbens. Ob und wo in Zukunft die Erstellung journalistischen Contents fair bezahlt werden kann, ist noch offen.

3. Was ist, in einem Wort, die Aufgabe eines Journalisten?

Faktenerzählen.

4. Was ist, in wenigen Worten, das Problem am Zeitungssterben?

Journalistische Institutionen gehen kaputt. Kaum ein deutscher Tageszeitungsverlag hat verstanden, wie im Netz gewirtschaftet werden muss, abgesehen vielleicht von Springer und der FAZ. Die Urheberrechtsstrategien dieser Verlage teile ich jedoch nicht. Die Ideen der taz sind catchy, aber ich glaube nicht, dass das, was da derzeit gedacht und umgesetzt wird, ausreicht für eine Gesamtfinanzierung. Bei vielen anderen Zeitungen sehe ich schwarz. Die Zeitungen stellen sich also nicht gut genug auf die neue Zeit ein und damit geht wertvolle Zeit in einer Zeit des Strukturwandels verloren. Aus der Zerstörung wird etwas Neues wachsen, aber es wäre für die Beschäftigten und für Freunde von Qualitätsjournalismus angenehmer, wenn die althergebrachten journalistischen Institutionen nicht kaputtgehen würden.

5. Was ist, in einem Satz, das Problem an Zeitungen?

Sie produzieren journalistischen Content und haben nicht verstanden, dass der Kunde sie möglicherweise nicht dafür, sondern aus anderen Gründen kauft.

6. Isst Du oft in einer Kantine und wenn ja, welches Gefühl hast Du dabei?

In jeder Kantine finde ich Gerichte, die ich mag. Ich habe kein Problem damit, in großen Räumen und mit anderen Menschen zu essen. Man trifft da auch immer Kollegen, die man sonst nicht sieht.

7. Hattest Du schon mal Angst bei der Ausübung Deines Beruf und wenn ja, warum?

*ROFL* Für mich war die taz am Ende wie „Das Haus, das Verrückte macht“ bei Asterix. Ich nehme an, dass dies auch was mit Angst zu tun hatte.

8. Ist es ein Problem, dass vor allem Kinder der Mittelschicht den Beruf des Journalisten ergreifen?

Das habe ich jetzt nicht nachgeprüft, aber man braucht ja schon gewisse Lese- und Schreibekompetenzen, sowie Wissen und Analysekompetenz. Insofern sehe ich das „Problem“ eher im Bildungssystem. „Schlimmer“ wäre es außerdem, wenn nur Menschen aus der Oberschicht Journalisten wären.

9. Was sagst Du in der Regel, wenn Du Deinem Chefredakteur/ Deiner Chefredakteurin auf dem Flur begegnest?

Manchmal gehe ich noch in der taz vorbei und dann sage ich „Hallo Ines!“ und dann erzählen wir uns ein paar Worte.

10. Wenn Du von einem Tag auf den anderen kein Journalist/ keine Journalistin mehr sein könntest, aus welchen Gründen auch immer, was würdest Du tun?

Das ist bei mir gerade der Fall. Ich habe Arbeitslosengeld beantragt und bewerbe mich auf Redakteursstellen in unterschiedlichen unjournalistischen Bereichen. Wir leben eben in Umbruchzeiten – und ich muss es mir nicht geben, mich wegen der Blödheit der Verlage die nächsten fünf bis zehn Jahre oder noch länger auszubeuten. Journalismus ist kein Hobby.

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