Gibt es den guten Boulevard?

Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass es den guten Boulevard gibt. Und „gut“ ist in diesem Fall keine Frage von rechts und links. Bild ist nicht deshalb eine schlechte Zeitung, weil sie eher rechts ist. „Gut“ ist auch kein Urteil aus kultureller Überheblichkeit. Nicht die Einfachheit der Bild – und ihrer Leser – ist das Problem. Im Gegenteil: Dass der Boulevard reduziert, Dinge auf den Punkt bringt, lesbare Sätze formuliert, ist ein lobenswerter Dienst am Leser. Nicht die kurzen Sätze sind das Problem.

Nein.

„Gut“ ist schlicht als moralische Kategorie zu verstehen. Und in diesem Sinne kann eine Boulevardzeitung nicht gut sein, wenn sie gleichzeitig erfolgreich sein will. Die Messlatte ist Bild. Sie setzt die moralischen Standards, die es zu unterbieten gilt.

Sie spricht die Lust an den Schwächen anderer an, die Angst vor dem Unbekannten, den Hang zur Rache und zur Selbstjustiz, den Genuss der Niedertracht, den Unwillen zur Vergebung, den Ekel, die Furcht vor materiellem Verlust, den Neid.

Wir haben diese Gefühle in uns. Der Boulevard weiß das und zielt darauf wie eine Lenkrakete. Das ist die Dialektik des Boulevards: Er kann nur gut sein, das heißt erfolgreich, wenn er schlecht ist, also niederträchtig. Wo lernt man so etwas?

Der Axel-Springer-Verlag hat eine Journalistenschule, die Axel-Springer-Akademie. Vor Kurzem gratulierte die Akademie einem Schüler auf ihrer Facebook-Seite; er hatte in seinem Praktikum bei Bild eine Schlagzeile recherchiert. Es ging um einen Radiomoderator, er soll sich des Missbrauchs einer Minderjährigen schuldig gemacht haben. Bild zeigte ihn auf der Titelseite und fragte: „Neue Vorwürfe gegen ,Ostseewelle‘-Moderator – Ist er auch Gewinnspielbetrüger?“ „Auch“ – als sei der Missbrauch längst bewiesen. Es ist dem Bildblog zu verdanken, dass Bild nicht unbeobachtet bleibt. So hat er auch das Gratulationsschreiben der Springer-Akademie auf Facebook entdeckt.

Zorn gegen Männer zu schüren, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben sollen, ist ein Kerngeschäft des Boulevards. Bild „übernimmt“ den Fall – lange bevor die Ermittlungsbehörden die Chance haben, den Verdacht zu erhärten, und noch länger bevor ein Gericht ein Urteil spricht. Der Rechtsstaat ist vielen zu langsam, zu milde, zu zögerlich. Sie vertrauen auf die Parastaatlichkeit des Boulevards. Es kommt mitunter vor, dass die Bild-Zeitung ihre Interviews ganz unverhohlen „Verhör“ nennt.

Das Prinzip, das dahinter steht, heißt Dorfjustiz. Friedrich Dürrenmatt hat ein Buch darüber geschrieben: „Das Versprechen“. Da gipfelt die Selbstjustiz einiger Dorfbewohner darin, dass sie einen Unschuldigen an einen Traktor hängen und in Gülle tauchen. Weil eben alles danach aussieht, dass er es war. Und weil es um den Tod eines Mädchens geht. Die Wut gegen den Täter kann jeder nachvollziehen. Der Boulevard schlägt daraus Kapital.

Auch in Emden ging es im März um den Tod eines Mädchens, die Polizei nahm zunächst einen 17-jährigen fest, die Bild präsentierte ihn auf der Titelseite als Täter. Die Polizei ließ den Jungen wieder frei. Bild berichtete daraufhin scheinheilig vom Lynchmob, der in der Stadt tobte. Als habe sie nichts damit zu tun.

Es sind Gefühle, die den Boulevard antreiben und am Leben halten. Er richtet sich an eine Gemeinde der Rechtschaffenen – und gegen alles, was anders ist. Er schafft Gegner und Helden, Sieger und Besiegte, Anführer und Außenseiter, er jubelt, schreit, schimpft, schwitzt. Das muss nicht immer gefährlich sein, oft ist es auch nur skurril.

Als zwei Bild-Reporter vor einigen Wochen den Henri-Nannen-Preis bekamen und drei Redakteure der Süddeutschen daraufhin eine Auszeichnung ablehnten, da erkannte ein Kritiker darin die „Arroganz der Arrivierten“. Dass Bild ein „Scheißblatt“ ist, wie Hans Leyendecker treffend formuliert, ist jedoch keine philosophische Erkenntnis. Man muss auch nicht Hans Leyendecker sein, um zu diesem Urteil zu kommen. Die Kritik am Boulevard verlangt keinen Intellekt. Sondern Mitgefühl.

 Zum 60. Geburtstag der Bild habe ich mit meinem Kollegen Steffen Grimberg in einem Pro&Contra in der taz die Frage diskutiert, ob guter Boulevard möglich ist. Das Magazin mit dem eindeutigen Titel „Bild fuck you!“ kommt aus Griechenland, gekauft in Athen, kurz vor dem Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland.

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